Dein erster Drehtag als Set-Runner*in: Was Dich wirklich erwartet

Dieser Fahrplan zeigt Dir, was Dich von Ankommen bis Feierabend erwartet – und hilft Dir, ohne Schweißausbrüche durch den Tag zu kommen. Inklusive Spickzettel für die Hosentasche.
Set-Runner geht am frühen Morgen an einem handgemachten Wegweiser mit der Aufschrift „SET“ vorbei, im Hintergrund unscharf ein Filmset mit Team und Fahrzeugen.

Jetzt wird es ernst. Dein erster echter Drehtag als Set-Runner*in steht an.

Wenn Du das hier liest, hast Du die wichtigsten Schritte bereits hinter Dir:

 

In diesem Guide schauen wir uns an:

  • Welche typischen Aufgaben Dich im Laufe eines Drehtags erwarten
  • Wie ein Drehtag abläuft – von Ankunft bis Feierabend
  • Welche Dinge Dir den Set-Alltag spürbar erleichtern
 

Bonus: Am Ende findest Du eine kostenlose Checkliste für Deinen ersten Drehtag – damit Du im Trubel den Überblick behältst und Dich auf Deinen Job konzentrieren kannst.

Lass uns direkt reinspringen.

Inhalt

Start in den Tag

Stell Dir vor, Deine Bahn hat Verspätung. Du kommst abgehetzt an der Basis an, gerade so zu Deinem Arbeitsbeginn. Puls 180, Schweißperlen auf der Stirn, alles läuft schon. Das ist ein schlechter Start.

Deshalb: Bau Dir Puffer ein.
Wenn Du fünf bis zehn Minuten vor Arbeitsbeginn ankommst, liegst Du genau richtig. Und ja – das ist auch offiziell pünktlich. Steht so im Filmcodex.

Diese Minuten sind der Unterschied zwischen sortiert und gestresst.
Du legst Dein Walkie und Headset an, meldest Dich kurz im Funk an und bekommst mit, was an diesem Morgen gerade Phase ist:

Wo brennt es?
Wer ist schon vor Ort?
Was ist die erste Aufgabe?

Du kannst Dir außerdem kurz einen Überblick verschaffen: Wo ist das Set heute genau? Wie sind die Gegebenheiten? Wie ist die Stimmung? Wer sich vorab orientiert, stolpert später nicht blind in den Tag.

Und wenn Du Glück hast, ist die Klappe vom Catering schon offen.
Ein erster Kaffee hat mir immer geholfen.

Vor der ersten Klappe

Basis oder Set

Wie Du vor Drehbeginn eingesetzt wirst, ist meist vorher besprochen. Jede Set-Aufnahmeleitung (AL) tickt da ein bisschen anders. Mal bist Du an der Basis und unterstützt die Set-Assistenz, damit alles ins Laufen kommt. Mal gehst Du direkt an die Front (ans Set), weil Deine Set-AL Dich dort braucht.

An der Basis geht es oft darum, die Mobile startklar zu machen: Aufenthalte checken, Heizungen anstellen (niemand will frierende Schauspieler, glaub mir), schauen, ob alles sauber und einsatzbereit ist.

Am Set selbst bestimmt oft die Location Deine Aufgaben. Drehen wir in einer 5-Millionen-Euro-Villa mit Parkett aus dem 18. Jahrhundert? Dann ist Dein erster Move nicht, den Set-Tisch aufzubauen, sondern Schmutzfangmatten aus dem Set-Sprinter zu holen und im Motiv auszulegen.

Schleppen mit Plan

Standardmäßig wird oft Folgendes passieren: Equipment schleppen. Regiestühle, Feuerlöscher, Easy-Up-Zelte usw. – mit dem Bollerwagen oder per Shuttle.

Räum nicht blind den ganzen Sprinter leer. Frag kurz bei Deiner AL nach: „Wie viel brauchen wir von was wirklich?“ Das spart Dir im Zweifel Zeit und unnötiges Geschleppe.

Set-Tisch

Was in dieser Phase auch ansteht: den Set-Tisch vorbereiten und bestücken. Kaffee, Tee, Getränke. Im Anschluss ist Zeit zum Luftholen – und das ist wichtig. Für einen Drehtag brauchst Du Energie, daher: Nimm Dir ein paar Minuten für ein Frühstück. Du nützt niemandem etwas, wenn Dir nach zwei Stunden der Magen in den Kniekehlen hängt und das Mittag (wie so oft) geschoben wird.

Was, wenn alles gleichzeitig passiert?

Die Zeit vor Drehbeginn ist meist wild. Das Team kommt nach und nach an, Fahrzeuge werden rangiert, tausend Fragen tauchen auf. Je näher die erste Klappe rückt, desto mehr sortiert sich das Ganze. Bleib cool. Wenn es zu trubelig wird, frag nach Prioritäten.

 

PRAXISTIPP

Wer macht hier eigentlich was?

Am ersten Drehtag triffst Du in den ersten 60 Minuten locker auf 40 neue Leute. Wenn Du neue Kolleg*innen kennenlernst, stell Dich mit Deinem Vornamen vor und sag direkt Deine Position dazu: Set-Runner.
Das hilft enorm, Dich sofort einzuordnen – und sie werden es Dir gleichtun.

Du wirst mit Namen bombardiert werden. Statt sie sofort wieder zu vergessen, nutz den Echo-Effekt: Wenn sich jemand vorstellt, wiederhol den Namen einmal laut.

„Freut mich, Anika.“

Das verankert den Namen deutlich besser im Kopf.

Mit der Zeit wirst Du zum kleinen Sherlock Holmes. Du musst nicht mehr fragen, wer was macht – Du schaust einfach auf das „Spielzeug“, das sie bei sich tragen. Beispiele:

  • Buntes Lassoband – Kameraassistenz
  • iPad – Script Continuity oder Regie-Assistenz
  • Metallklammern – Lichtabteilung
  • Grauglas um den Hals – Oberbeleuchter*in

Während des Drehtags

Erwarte das Unerwartete. Kein Tag läuft gleich.
Die Aufgaben eines Set-Runners verändern sich im Laufe des Drehtags ständig.

Das Grundprinzip ist allerdings immer gleich:
Du bekommst Aufgaben von Deiner Set-AL – meist über Funk –, bestätigst sie und führst sie aus.

Das kann ganz Unterschiedliches sein, hier ein Einblick:

  • Du blockst den Haupteingang zum Motiv (Türsteher-Modus).
  • Plötzlich wirft der Nachbar seine Kettensäge an – Du gehst rüber und überredest ihn mit Deinem charmantesten Lächeln, sie für ein paar Minuten auszuschalten.
  • Kaum zurück, bekommst Du die Aufgabe, einer Schauspielerin ein Auftrittszeichen Signal für Schauspieler*innen, wann sie die Szene betreten. zu geben.
 

All das kann innerhalb weniger Minuten passieren. Willkommen beim Film.
(Mehr Beispiele dazu findest Du unten in der Checkliste.)

Es wird dann wiederum Phasen geben, da passiert scheinbar … nichts. Sie fühlen sich wie Leerlauf an. Genau die solltest Du sinnvoll nutzen:

Rundumblick:

  • Set-Tisch: Check regelmäßig, ob Kaffee, Tee und Getränke aufgefüllt sind und ob Ordnung herrscht.
  • Safety first: Liegt da ein Kabel als Stolperfalle? Kabelmatte. Braucht das Stativ auf dem Gehweg eine Pylone rot-weißer Absperrkegel zur Sicherung von Wegen oder Equipment. ? Dinge, die schnell erledigt sind und am Set viel ausmachen.
  • Dispo im Blick: Hak ab, was gedreht wurde. Du solltest jederzeit wissen, wo wir im Plan stehen. Wenn Dich jemand fragt: „Was kommt als Nächstes?“, willst Du nicht mit „Kein Plan“ antworten.
 

Und wenn plötzlich fünf Leute gleichzeitig etwas von Dir wollen, nutz eine einfache Entscheidungshilfe: Der Dreh hat immer Priorität.

Alles, was unmittelbar dazu beiträgt, dass die Kamera läuft, kommt zuerst. Die Kettensäge stoppen? Priorität 1. Den Müll leeren? Priorität 2.
Mit diesem Filter im Kopf triffst Du in Sekunden die richtige Entscheidung.

Exkurs: Komparsenbetreuung

Der Vollständigkeit halber müssen wir hier kurz darüber sprechen – denn sie kann auch teilweise in Deinen Aufgabenbereich wandern.

Grundsätzlich fällt die Komparsenbetreuung in den Aufgabenbereich der Regieassistenz. Häufig gibt es dafür eine zweite Regieassistenz (2nd AD) oder eine externe Komparsenbetreuung. Bei kleineren Produktionen oder knappem Budget kann es jedoch vorkommen, dass diese Aufgabe der Set-Aufnahmeleitung zufällt – und damit teilweise auch bei Dir landet.

Als grobe Faustregel (die ich für mich anwende): Bis etwa zehn Kompars*innen lassen sich – je nach Situation und Motiv – von der Set-AL mitbetreuen. Alles darüber hinaus braucht meist eine eigene Betreuung.

Wichtig für Dich an dieser Stelle: Du musst hier kein Experte sein. Solltest Du mit der Betreuung betraut werden, hol Dir klare Ansagen von Deiner Set-AL, was genau Du übernehmen sollst – zum Beispiel Einweisung, Infos durchstellen, Begleitung zum Set oder Komparsenscheine ausfüllen lassen.

Mittagspause

Die Mittagspause ist für viele das Highlight des Tages. Es ist Wahnsinn, was die Catering-Crews in ihren Trucks auf ein paar Quadratmetern zaubern.

Um das nicht zu verpassen, sag ich’s ganz direkt: Nimm Dir Deine Pause. Auch wenn über Funk weiterhin Ansagen kommen oder noch drei Kleinigkeiten anstehen – besteh auf Deine Zeit.

Set-Wache

In der Praxis wird in der Set-Al oft im Schichtbetrieb gegessen. Während der Rest der Crew am Truck Schlange steht, hält meist eine Person die Stellung am Set. Das ist okay, solange Du davor oder danach Deine Pause bekommst.

Cateringliste

Je nach Produktion kommt noch eine weitere Aufgabe hinzu: Häufig werden Strichlisten geführt, wer zum Mittagessen da ist. Das Essen am Set ist nicht kostenlos. Es wird am Ende des Monats von der Gage abgezogen – auch wenn es für Runner in vielen Produktionen inklusive ist (darauf solltest Du schon beim Vertrag achten).

Diese Liste ist das Kontrollinstrument für die Produktion. Sei beim Führen der Liste penibel. Niemand hat Bock auf Diskussionen, weil die Zahlen am Ende nicht stimmen.

Networking

Ach, und noch was: Die Mittagspause ist die beste Zeit, um Leute außerhalb Deines Departments kennenzulernen. Setz Dich nicht immer nur zu Deiner Abteilung. Misch Dich unters Team. So bekommst Du schnell Einblicke in andere Gewerke.

Nachmittag

Willkommen in der zweiten Halbzeit. Die Sonne steht tiefer, die Beine werden langsam schwerer (#fresskoma). Das Tempo bleibt aber gleich – und Deine Aufgaben auch. Ein klassisches „Nachmittagsprogramm“ gibt es nicht, aber ein paar Dinge kommen fast immer:

  • Set-Tisch-Refresh: Am Nachmittag kommen nach und nach noch Sweeties, Obst und Brote auf den Set-Tisch.
  • Kaffeerunde fürs Set: Der Filterkaffee aus der Thermoskanne verliert am Nachmittag seinen Charme (ich lieb’s ja) – und Du wirst kurz zum Barista. Vom Espresso Doppio bis zum Schoko-Chino.

Was noch erledigt werden kann

Gleichzeitig beginnt langsam der Blick Richtung Feierabend. Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, können nach und nach – in Absprache mit Deiner Abteilung – zurückgebaut werden:

  • Tische und Bänke, auf denen keiner mehr sitzt? Zusammenklappen.
  • Mobile, die für heute durch sind? Abkabeln.
  • Equipment, das sicher nicht mehr zum Einsatz kommt? Zurück in den Sprinter.
 

Und manchmal lohnt es sich auch schon, einen Blick auf die Vordispo zu werfen und zu schauen, was man eventuell für morgen vorbereiten kann.

Its a wrap

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Drehschluss

Aber Achtung: Dieses Wort bedeutet für Dich nicht automatisch Arbeitsende. In der Set-Aufnahmeleitung gibt es nach Drehschluss immer noch Rücklauf. In welcher Form, hängt vom Drehplan ab.

Bleibt ihr mehrere Tage an einem Motiv, kann je nach Situation Equipment im Motiv bleiben – und ihr seid schneller fertig. Geht es am nächsten Tag an ein neues Motiv, muss dagegen alles zurückgebaut und im klassischen Tetris-Verfahren im Sprinter verladen werden.

Die letzten Handgriffe

Diese Aufgaben gehören nach Drehschluss immer dazu:

  • Dispos verteilen: Auch wenn Produktionen zunehmend papierlos werden, werden nach Drehschluss oft noch ein paar gedruckte Dispos für den nächsten Drehtag verteilt. Viele arbeiten weiterhin lieber analog – für Notizen, Markierungen oder einfach fürs Gefühl.

  • Set-Tisch: Biete die Reste vom Set-Tisch ein letztes Mal an. Wenn keiner mehr etwas will: selbst mitnehmen oder entsorgen. Ordnung gehört auch hier zum Job.

  • Trüffelrunde: Ist das Equipment aus dem Set raus, folgt meist noch eine „Trüffelrunde“. Geh alle Bereiche ab, in denen sich das Team aufgehalten hat, sammle Müll ein und schau, ob jemand etwas liegen gelassen hat.

Check-Out

Sind alle Aufgaben erledigt, empfiehlt sich ein kurzes Check-out-Gespräch mit Deiner Abteilung. Zum einen, um schon einen Blick nach vorne zu werfen: nächster Drehtag, Treffpunkt, Arbeitsbeginn, Besonderheiten. Zum anderen auch für einen kurzen Rückblick.

Was lief gut? Wo hat es gehakt? Wenn Dich etwas genervt hat oder unklar war – sprich es jetzt an. Reibungen klärt man am besten sofort, nicht erst drei Tage später. Geh mit freiem Kopf in den Feierabend.

Feierabend

Dein erster Drehtag ist pure Reizüberflutung. Viele neue Leute, Stöpsel mit Funk im Ohr, haufenweise Anweisungen – alles prasselt gleichzeitig auf Dich ein. Wenn Du Dich fühlst, als hätte Dich der Licht-LKW überrollt: Willkommen im Club. So ging es mir. So ging es jedem Profi, den Du heute am Set gesehen hast.

Du wirst heute Abend ins Bett fallen wie ein Stein. Dein Kopf ist voll, Deine Füße brennen. Und ja, vielleicht ist Dir heute ein Fehler passiert oder etwas hat nicht auf Anhieb geklappt. Die Wahrheit dazu: Das ist völlig normal!

Mit jedem Drehtag wird es leichter. Abläufe wiederholen sich, Dinge setzen sich und werden zum Automatismus.

Dein Spickzettel für den Drehtag

Wenn Du nicht alles im Kopf behalten willst, habe ich Dir eine interaktive Checkliste zusammengestellt. Du kannst Punkte abhaken, eigene Ergänzungen machen und sie direkt auf dem Handy oder ausgedruckt dabeihaben.

Schlaf Dich aus. Morgen geht’s weiter in Deinem Filmabenteuer.
Schönen Feierabend.

Bild von Björn S. Breyer

Björn S. Breyer

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