Meine Geschichte

Wie ein roter Knopf mein Leben veränderte. Warum ich mit einem Besen durch den Keller flog. Und wie Kunstschnee mir eine wichtige Lektion erteilte.
Kamerateam mit Björn im Garten während eines Drehs für einen KiKA-Beitrag

Ich war neun, als ich an einem grauen Sonntagnachmittag im Wohnzimmer meiner Eltern eine alte Hi8-Kamera fand. Verstaubt, versteckt und fast vergessen. Dieses kantige Stück Technik haben meine Eltern 1991 zu meiner Geburt gekauft, um meine ersten Gehversuche festzuhalten.

Ich schloss sie an, nahm sie in die Hand und drückte auf den roten „Rec“-Knopf. Ein Klick, ein einziger Moment, der mehr veränderte, als ich damals begreifen konnte.

Mein erster Film

Kurz darauf drehte ich meinen ersten Krimi: „Tat in der Nacht“. Zwölf Minuten Spannung, improvisiert zwischen Kinderzimmer und Baumhaus. Ich spielte den Detektiv, meine Freunde die Täter. Natürlich gab es auch Stunts und eine „echte“ Autoverfolgungsjagd.

Wir hatten keine Ahnung, was wir taten. Aber etwas Entscheidendes passierte:
Wir hielten eine Geschichte fest. Allerdings wirkte sie auf dem Hi8-Tape größer, als sie eigentlich war.

Originale VHS-Kassette mit der einzigen erhaltenen Fassung von „Tat in der Nacht“
einzige erhaltene Originalfassung von „Tat in der Nacht“

„Kikanier der Woche“

Ein Besuch im Filmpark Babelsberg entfachte etwas in mir, das sich kaum stoppen ließ. Also baute ich meinen eigenen Filmpark. Nicht in Potsdam, sondern im Garten in Gerwisch. Dem Dorf bei Magdeburg, aus dem ich komme. Zu sehen gab es Requisiten aus „Tat in der Nacht“ und als Höhepunkt eine kleine Stuntshow.

Mit meinem Filmpark und der Leidenschaft fürs Filmemachen bewarb ich mich beim Kinderkanal. Wenig später stand tatsächlich ein Kamerateam vor unserer Tür. Der Kinderkanal drehte einen Beitrag über meinen kleinen Park – und über mich, den Jungen, der Filme drehte.

Wenige Wochen später saß ich live im Studio in Erfurt und wurde „Kikanier der Woche“. Zehn Jahre später saß ich wieder in diesem Studio – diesmal zur Abschlussprüfung.

Zufall? Vielleicht. Aber es fühlte sich eher wie ein Kreis an, der sich geschlossen hatte.

Blaue Bettlaken und fremde Welten

In den Jahren danach drehte ich weiter kleine Filme. Ich experimentierte, dachte größer, tüftelte im Schnitt.

Eines Tages überredete ich meine Mutter, mir blaue Bettlaken zu besorgen. Ich spannte sie im Keller auf, baute mein erstes Bluescreen-Studio und flog mit einem Besen wie Harry Potter durch Welten, die es nur auf dem Computer gab.

Nebenbei machte ich mehrere Praktika – zuerst beim Offenen Kanal Magdeburg, später bei einer Produktionsfirma in Köln.

Richtungsweisende Erkenntnisse

Nach dem Abi zog es mich nach Weimar.

Ich begann eine duale Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton an der Bauhaus-Universität Weimar, mit dem Schwerpunkt Kamera an der Fernseh-Akademie Mitteldeutschland in Leipzig.

In dieser Zeit merkte ich, dass mich die technischen Aspekte zwar faszinierten – ich mich aber immer wieder in Situationen wiederfand, in denen ich organisierte und plante. Ich war die Person, die selbst für kleine Übungsbeiträge Dispos schrieb.

Ich mochte es, Geschichten in Bildern zu erzählen. Bei Praxisübungen war ich jedoch lieber der Redakteur als der Kameramann. Ich lernte schnell: Jeder Film wird besser, wenn man die Geschichte vorher filetiert und in sinnvolle Häppchen aufteilt – kurz gesagt: wenn man einen Plan hat.

Mich interessierte weniger, wie man das Licht setzt – sondern dass es angeht. Ich wollte verstehen, wie aus vielen Ideen ein Film wird, ohne dass jemand unterwegs die Nerven verliert.

Auch wenn ich heute nicht mehr in meinem gelernten Beruf arbeite, war diese Zeit prägend. Sie hat mir wertvolle Einblicke in die verschiedenen Gewerke ermöglicht – Kamera, Licht, Ton und Schnitt. Wer all diese Abteilungen kennt, versteht ihr Zusammenspiel besser.

Björn arbeitet während der Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton an Kamera- und Studioaufnahmen
während der Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton

Mein erster Tag am Set

2011 stand ich zum ersten Mal als Set-Runner am Set einer großen deutschen Serie.

Walkie am Gürtel, Kaffee in der Hand, Herz auf Anschlag.
Alles war neu, laut, unübersichtlich – und gleichzeitig faszinierend.

Nach dem ersten Drehtag lag ich völlig fertig im Bett und hörte die Funksprüche noch im Kopf, obwohl das Walkie längst aus war:

„Achtung, wir drehen.“
„Björn, kannst du da blocken gehen?“
„Ich gehe auf die 17.“
„Copy?“

Ich verstand nur die Hälfte, aber ich wusste: Das war meine Welt.

Ich habe es gleichzeitig gehasst und geliebt – und wahrscheinlich ist das bis heute die ehrlichste Beschreibung für diesen Beruf.

Nach dem Praktikum fragte ich mich, ob ich das noch einmal machen will.

Meine Antwort: „Copy.“

Set-Funksprüche – kurz erklärt

„Achtung, wir drehen.“
Jetzt wird’s ernst. Ruhe bitte – Kamera läuft gleich.

„blocken“
Absperren. Bereich sichern, damit niemand ins Bild läuft oder fährt.

„Ich gehe auf die 17.“
Ein Walkie-Talkie hat meist 16 Kanäle. Kanal 17 gibt es nicht. „Auf die 17 gehen“ heißt umgangssprachlich: zur Toilette gehen.

„Copy“
„Verstanden“, „Bestätigt“ — die wohl wichtigste Antwort am Set.

Ein Schritt nach vorn. Zwei ins Unbekannte.

Aus dem ersten Job wurde ein zweiter, dann ein dritter. Ich blieb dran, arbeitete mich hoch. Irgendwann wurde ich, ganz folgerichtig, Set-Assistent.

Weniger folgerichtig kam danach der Sprung in die Motivaufnahmeleitung. Viel zu früh, gefühlt. Aber genau diese Position hatte mich schon immer gereizt. Mit 24 stand ich da, jung, unsicher, neugierig und musste plötzlich diese neue Verantwortung übernehmen.

Am ersten Drehtag fragte mich der Produktionsleiter etwas abschätzig, ob ich hier ein Praktikum mache. Das war wenig schmeichelhaft, aber im Grunde stimmte es. Ich hatte keine Ausbildung dafür – nur den Willen, herauszufinden, wie es geht.

Diese sieben Jahre als Motivaufnahmeleiter haben mich geprägt wie kaum etwas anderes. Die Position ist das Bindeglied zwischen Filmwelt und echter Welt. Man lernt zu dolmetschen – die manchmal absurden Ideen der Filmwelt so zu vermitteln, dass sie auch von Nicht-Filmleuten verstanden werden.

Ich mochte das. Vielleicht auch, weil ich durch meine Neugier immer Wege suchte, in diesem Job besser zu werden. Diese Jahre haben mir fachlich viel beigebracht – aber noch mehr über Menschen.

Ich habe gelernt, wie man sich auf völlig unterschiedliche Charaktere einstellt – und wie wichtig Kommunikation, Vertrauen und Anpassungsfähigkeit sind. Ohne das funktioniert kein Set, kein Team und am Ende kein Film.

Wenn ich aus dieser Zeit eine Sache mitnehme, dann die: Ruhe bewahren – auch wenn alles um dich brennt und keiner den Feuerlöscher findet.
Am Ende funktioniert es meistens doch. Irgendwie.

Schnee von gestern

Einmal beauftragten wir eine Spezialfirma, die für eine Szene künstlichen Schnee schneien ließ. Es sah wunderschön aus – nur blieb dieser Zellulose-Schnee liegen, ein klebriger Albtraum.

Die Firma räumte ihn nicht weg. Also stand ich am Ende selbst da, mit Schaufel und Eimer, und kratzte die Pampe vom Asphalt. Es dauerte Stunden.

Die Lektion war nicht, wie man Schnee schippt, sondern dass man schon vor dem ersten Schneeflöckchen ans Aufräumen denken sollte.

Seitdem versuche ich, das Ende immer mitzudenken.

Vielleicht ist genau das das Entscheidende an diesem Job: Man lernt ständig dazu – manchmal eben auf die harte Tour.

Filmdreh an einem historischen Gebäude mit Kunstschnee, der New York City in Halle (Saale) simuliert
Ein Stück New York in Halle (Saale) - "Vor der Morgenröte" 2015

Und heute?

Heute arbeite ich als 1. Aufnahmeleiter, manchmal auch als Location Scout.

Ein guter Drehtag ist für mich nicht der, an dem alles glattläuft, sondern der, an dem es leicht wirkt. Wenn Abläufe greifen. Wenn niemand schreit. Wenn Menschen abends lächeln und sagen: „War gut heute.“

Ich sehe meine Aufgabe darin, einen organisatorischen Rahmen zu schaffen, in dem alle gut arbeiten können. Klar, dieser Rahmen ist begrenzt – durch Budget, Zeit, Wetter und all die kleinen Unwägbarkeiten, die jeder Drehtag mit sich bringt. Aber genau das ist der Reiz: Ordnung ins Kreative zu bringen, ohne es zu ersticken.

Ich bin keiner, der vorschnell Nein sagt. Lieber suche ich nach Wegen, wie etwas doch möglich ist – ohne die Grenzen zu ignorieren.

Und wenn doch mal Chaos ausbricht? Dann schaltet etwas in mir um. Autopilot. Erst atmen. Dann sortieren. Schritt für Schritt. Hektik hat am Set noch nie jemanden weitergebracht.

Als Location Scout reizt mich das Entdecken. Orte erzählen Geschichten – man muss nur den richtigen finden. Manchmal suche ich tagelang, bis ich merke: Hier gehört die Geschichte hin. Das ist ein gutes Gefühl.

Früher wollte ich Regisseur werden. Heute finde ich Erfüllung darin, den Weg zu pflastern, auf dem andere Geschichten erzählen.

Zeitungsartikel: „Location-Scout für Sachsen-Anhalt“ (Volksstimme, 27.02.2018)

Warum dieser Blog?

Weil ich weiß, wie es ist, am Anfang zu stehen. Ich weiß, wie verloren, unsicher und überfordert man sich am Anfang fühlen kann.

Nach all den Jahren in der Praxis wollte ich einen Ort schaffen, um Wissen zu teilen – Dinge, die mir beim Einstieg damals gefehlt haben.

Ein typischer Weg in die Filmbranche führt über den ersten Job als Set-Runner*in. Nach meiner Erfahrung müssen viele in dieser Position vom ersten Tag an funktionieren – in einer Branche, die so vielschichtig und manchmal gnadenlos ist, dass Überforderung fast dazugehört.

Und genau deshalb möchte ich meine Erfahrungen teilen – sei es zum Funk-ABC, zur Set-Etikette oder einfach dazu, wie man eine Dispo liest.

Wenn du ganz am Anfang stehst, findest du hier das, was mir damals gefehlt hat: ehrliche, einfache und praxisnahe Antworten. Vom Finden deines ersten Jobs über deine persönliche Vorbereitung bis hin zur konkreten Checkliste für deinen ersten Drehtag.

Bild von Björn S. Breyer

Björn S. Breyer

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