Mut zur Lücke

Wer ständig 100 % gibt, brennt aus oder wird wahnsinnig. Warum man gerade in der Aufnahmeleitung lernen muss, kalkulierte Risiken einzugehen.
Grafik mit Absperrkegeln und einer Lücke in der Reihe – Titelbild zum Artikel „Mut zur Lücke“ über Erfahrungen aus der Filmbranche.

Neulich ist mir aufgefallen, dass ich inzwischen seit 15 Jahren in der Filmbranche arbeite. In dieser Zeit gab es viele gute Projekte und einige, die mir ziemlich an die Nieren gingen.

Auch wenn ich mich manchmal immer noch wie ein Grünschnabel fühle und ständig dazulerne, habe ich unterwegs doch ein paar Dinge gelernt. Kleine Prinzipien, die mir im Drehalltag immer wieder helfen und mir ein Stück Sicherheit und Gelassenheit geben.

Genau über solche Erfahrungen möchte ich in dieser Reihe schreiben – auch, um mich selbst noch einmal daran zu erinnern. Keine heiligen Weisheiten und keine Anleitung zum Nachmachen – eher ein paar Dinge, die ich in vielen Jahren am Filmset gelernt habe und die für mich funktionieren.

Alles im Griff?

Mit 24 Jahren, zu Beginn meiner Laufbahn als Motiv-Aufnahmeleiter (Motiv-AL), hatte ich das Gefühl, alles kontrollieren zu müssen.

Jede Genehmigung.
Jede Kleinigkeit.

Mit der Zeit merkt man: Der Job besteht nicht darin, alles perfekt zu machen.
Sondern darin, die richtigen Probleme zuerst zu lösen.

Als Motiv-AL war mein Job klar definiert: Jeden Drehort so vorzubereiten, dass das Team dort reibungslos arbeiten kann und die gesamte Infrastruktur ihren Platz findet.

Alles muss hieb- und stichfest sein. Jede Genehmigung muss rechtzeitig beantragt, jede Unterschrift auf Verträgen eingeholt sein. Gefühlt braucht man für jeden Quadratzentimeter eine Genehmigung. Selbst für ein einzelnes Stativbein.

Dazu kommt, dass man sich um Parkplätze, Strom, Wasser und Müllentsorgung kümmern und mit Motivgeber*innen und Dienstleistern kommunizieren muss. Das bedeutet in der Praxis: viel im Auto, viel am Handy und viele Stunden am Schreibtisch.

100 % sind nicht drin

Bei vielen Fernsehfilmen, die ich erlebt habe, gibt es grob 10 bis 15 Drehorte bei rund 21 Drehtagen. Bei einer Vorbereitungszeit von nur vier bis fünf Wochen bedeutet das – gerade, wenn man ohne Assistenz arbeitet – ein immenses Arbeitspensum.

Kann man das ohne persönliche Aufopferung schaffen? Spoiler: In den meisten Fällen nicht.

Gerade am Anfang habe ich versucht, die 100 % zu erreichen. Die Folge: kaum Schlaf, ein zerbröselndes Privatleben und Arbeit an jedem Wochenende. Am Anfang war das noch aufregend und hat in Teilen Spaß gemacht, aber man hält das kein ganzes Berufsleben durch.

Das Rapsfeld-Dilemma

Stell dir vor, wir drehen auf einer Allee in Brandenburg: Vollsperrung, Auto-Stunt, alles genehmigt. Fast alles. Für den perfekten Shot soll eine Kameradrohne zehn Minuten lang über das angrenzende Rapsfeld fliegen. Mein Job: Die Besitzerin oder den Besitzer finden und die Erlaubnis einholen. Nur leider kann man den Ansprechpartner für ein Feld nicht ganz so leicht googeln.

In der Praxis bedeutet das dann zum Beispiel:

  • Recherche und Durchfragen
  • Zwei Telefonate und eine Mail ans Katasteramt (ohne was zu erreichen).
  • Eine Stunde Fahrt nach „Pusemuckel“ und eine zurück, um im Dorfkrug nach dem Bauern zu fragen.
  • Tagelanges Warten auf einen Rückruf.
 

(Kleine Bitte an alle Landwirte: Stellt doch bitte Schilder mit euren Kontaktdaten an die Felder.)

Realistische Risikoabwägung

Hier muss man sich ehrlich fragen: Ist der Zeitaufwand verhältnismäßig? Wenn ich einen halben Tag opfere, um eine Drohnengenehmigung für ein Feld zu bekommen, lasse ich in dieser Zeit andere Aufgaben liegen, die – wenn sie unerledigt bleiben – wirklich drehgefährdend wären.

Wichtig: Das ist keine Anleitung zum Rechtsbruch! Grundsätzlich sollte alles genehmigt sein – auch wenn man eine Drohne über ein Feld fliegen lässt. Aber mein persönliches Learning ist eine realistische Risikoabwägung, die natürlich eng mit der eigenen Risikotoleranz zusammenhängt.

In meinem Fall gehört es manchmal auch dazu, eine Lücke zu lassen: eine Aufgabe bewusst beiseitezuschieben und den Bauern in diesem Moment nicht ausfindig zu machen, wenn man merkt, dass das dauern könnte.

Wenn der Trecker doch kommt

Und ich habe es selbst erlebt. Weißt Du, was in meinem Rapsfeld-Beispiel passiert ist? Am Drehtag tauchte am Horizont ein Trecker auf. Der Bauer nähert sich unserem Set.

Seine Reaktion war Neugier: Er wollte wissen, was wir hier treiben. Die Drohne hatte er nicht einmal bemerkt. Das hat zwar ein paar Minuten Dreh-Unterbrechung bedeutet (auch nicht cool) – mehr aber nicht.

Und ja, das kann natürlich auch nach hinten losgehen: von Drehabbruch bis hin zu rechtlichen Konsequenzen. Aber in den meisten Fällen passiert entweder gar nichts, oder man bittet ehrlich um Entschuldigung – und hat sicherheitshalber ein bisschen Bargeld auf Tasche.

Nicht alles ist gleich wichtig

In der Aufnahmeleitung lernt man zu triagieren. Also nicht im medizinischen Sinne, aber vom Prinzip her:

  • Was ist absolut notwendig, um den Dreh nicht zu gefährden? (nicht verhandelbar)
  • Was ist grenzwertig, wenn man es nicht hat? Dinge, die ziemlich wehtun, wenn sie fehlen.
  • Und was ist eher „Nice to have“?
 

Manche Dinge müssen unbedingt stehen – um im Beispiel der Motiv-AL zu bleiben: Straßensperrung, Sicherheit, Haftung, Motivverträge, Anwohnerkommunikation, Zufahrten, Stromversorgung, behördliche Freigaben etc.

Andere Aufgaben sind schlichtweg Randthemen. Es sind Dinge, die in einer perfekten Welt ideal wären, aber in der Realität den Dreh nicht zum Kippen bringen.

Hier lauert die größte Falle: Der Drang, sich mit unverhältnismäßigem Aufwand in Schwierigkeiten zu bringen, nur um eine ToDo abzuarbeiten, die am Ende niemandem nützt. Wenn du deine Energie für die 5 % „Nice-to-have“ verfeuerst, fehlt sie dir dort, wo es wirklich brennt.

Prioritäten-Matrix aus der Filmproduktion mit den Achsen Aufwand und Risiko für den Dreh sowie den Feldern „sofort erledigen“, „sorgfältig vorbereiten“, „wenn Zeit ist“ und „Mut zur Lücke“.
Entscheidungshilfe

Gewissenhaftigkeit vs. „verbrannte Erde“

Man sollte immer gewissenhaft arbeiten. Viel zu oft hinterlassen Filmproduktionen „verbrannte Erde“, weil Teams sich rüpelhaft benehmen oder ohne jede Absprache Fakten schaffen. Die Folge: An vielen Orten darf heute schlicht nicht mehr gedreht werden.

Mut zur Lücke ≠ rücksichtslos handeln

Ich habe einmal erlebt, wie ein Kollege von einem historischen Dampfzug Plaketten mit einem Spachtel abgekratzt hat, weil sie nicht ins Bild passten. Diese Waggons wurden extra für unseren Dreh auf die Schiene gesetzt. Der Ärger war gigantisch, ein verbranntes Motiv, und die fünfstellige Schadenssumme mehr als schmerzhaft. Das ist kein Mut zur Lücke, das ist Sachbeschädigung.

Fokus auf das Wesentliche

Mit wachsender Erfahrung lernt man abzuschätzen, was wirklich kritisch ist und was nicht. Manche Dinge müssen wasserdicht vorbereitet und abgesprochen sein. Andere sind eher ein „Nice to have“.

Mut zur Lücke bedeutet nicht, Regeln zu ignorieren. Es bedeutet, Prioritäten zu setzen und die verfügbare Zeit effizienter zu nutzen. Die Energie auf die Themen zu konzentrieren, die für den Dreh wirklich relevant sind.

Gerade am Anfang machen Lücken Angst. Man hat das Gefühl, etwas auszulassen. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, was für ein Befreiungsschlag es sein kann, hin und wieder ein Risiko einzugehen – ein kalkulierbares Risiko.

Ich habe unzählige Male erlebt, dass eine Aufgabe, die mich in der Vorbereitung viele Stunden gekostet hätte, am Drehtag in fünf Minuten durch ein kurzes Gespräch geklärt war.

Man sollte nicht immer vom schlimmsten Szenario ausgehen. Heute schlafe ich trotz – oder gerade wegen – der Lücken gut. Man lernt, wo man sich voll reinhängen muss und wo man auch mal ein Auge zudrücken oder ein bisschen mehr wagen kann.

Und im Zweifel wird am Ende auch ohne Drohneneinstellung vom Rapsfeld aus ein Film draus.

Bild von Björn S. Breyer

Björn S. Breyer

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