Wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten

Ich liebe meinen Job. Und ich hasse ihn zugleich. Ein ehrlicher Blick auf die Schatten der Branche. Aus meiner Perspektive. Aus der Aufnahmeleitung.
Grafik auf schwarzem Hintergrund mit drei parallel ausgerichteten Film-Scheinwerfern, die drei klare, goldfarbene Lichtkegel nach vorne unten werfen. Oben rechts in der Ecke steht der weiße Text „#03 Dinge, die ich beim Film gelernt habe“.

Wir sind auf Motivtour. Irgendwo. In einer Seitenstraße, einem Wohnhaus oder auf einer Lichtung im Wald. Völlig egal, dieser Moment kommt fast immer: Der Kameramann oder die Kamerafrau zückt das Smartphone, öffnet die App Sunseeker und starrt auf eine gelbe Linie. Check: Wo steht die Sonne am 8. Juni um 8:15 Uhr?

Es folgt die Bitte an mich: „Björn, können wir die Szene am Vormittag drehen, sonst haben wir Auflicht? Und können wir an dem Drehtag bitte Wolken haben?“

Weiches Licht, harte Realität

Kameraleute lieben Wolken. Sie sind eine gigantische natürliche Softbox. Sie machen das Licht weich, gleichmäßig und liefern eine weitgehend schattenfreie Grundhelligkeit.

Die pralle Mittagssonne hingegen ist brutal. Sie erzeugt harte Kanten, betont jede Falte und wirft hässliche Schatten.

Natürlich will man beim Film immer die perfekte Lichtsituation. Man will die Schatten genau da haben, wo sie hingehören. Dass man das – insbesondere bei Außen-Tag-Drehs – fast nie so richtig gut kontrollieren kann, gehört dazu.

Wir reden über das Licht, meinen aber auch die Schatten

Am Set reden wir über das Licht, die Licht-Abteilung, die Licht-LKW. Aber jeder weiß natürlich, dass Schatten das Bild erst definieren, dass sie Tiefe geben und den Look bestimmen. Trotzdem geht es im Set-Jargon fast immer nur ums Licht. Man fragt: „Bauen wir da noch ’ne Lampe auf?“ Man sagt selten: „Machen wir da noch Schatten?“ – auch wenn genau das zur täglichen Arbeit der Lichtabteilung gehört.

So ähnlich setzt es sich fort, wenn wir das Set verlassen. Im Gespräch mit Kollegen, Freunden oder der Familie reden wir über die spannenden, abstrusen und magischen Momente, die wir am Set erleben. Über das, was uns eigentlich die Kraft kostet – den Druck, die Unsicherheit, die mentale Belastung – reden wir seltener.

Genau darüber will ich schreiben. Denn die Schattenseiten abonniert man automatisch mit, wenn man in die Filmbranche einsteigt.
Das hier ist eine Bestandsaufnahme. Subjektiv, aus meiner Perspektive. Aus der Aufnahmeleitung.

Willkommen zu Teil 3 von „Dinge, die ich beim Film gelernt habe“. Heute klammern wir die Magie aus. Wir reden über das, was im Dunkeln bleibt und worüber seltener gesprochen wird, man aber beim Einstieg in die Filmbranche mitdenken sollte.

Kleines Lichtlexikon

Ein paar Lichtbegriffe aus diesem Artikel

Sunseeker

Eine App, mit der man den Sonnenstand und den Verlauf der Sonne zu einem bestimmten Datum und einer bestimmten Uhrzeit prüfen kann. Wird oft genutzt, um Lichtverhältnisse für Außenmotive einzuschätzen.

Auflicht

Licht, das aus Richtung der Kamera auf das Motiv fällt. Es macht das Bild oft flacher, weil weniger Tiefe und Schatten entstehen.

Hartes Licht

Licht mit klaren, harten Schattenkanten. Es kann dramatisch wirken, ist aber schwerer zu kontrollieren und oft weniger schmeichelhaft.

Unterbelichtet

Ein Bild ist unterbelichtet, wenn zu wenig Licht auf den Sensor oder Film fällt. Dadurch wirkt es zu dunkel, Details verschwinden in den Schatten.

High Key

Ein Lichtstil mit heller, gleichmäßiger Ausleuchtung und wenigen harten Schatten. Wird oft mit freundlichen, leichten oder klaren Bildwirkungen verbunden.

Diffuses Licht

Gestreutes Licht ohne klare Richtung. Es erzeugt weiche Schatten und eine gleichmäßigere Ausleuchtung.

18kW

Ein sehr starker Filmscheinwerfer mit hoher Leistung. Die Angabe „18 kW“ beschreibt den Stromverbrauch beziehungsweise die Leistung des Geräts.

Spitzenlicht

Ein Licht von hinten oder schräg hinten, das Konturen hervorhebt und Figuren vom Hintergrund trennt.

Hartes Licht: Das Leben zwischen zwei Verträgen

Fangen wir mit etwas an, das für uns Filmleute völlig normal ist, für Menschen außerhalb der Branche aber klingt wie ein sehr schlecht organisierter Lebensentwurf: Film ist Projektarbeit.

Das heißt: Du bist nicht dauerhaft angestellt. Du bist gebucht. Für ein paar Wochen, ein paar Monate. Wer Glück hat, dreht eine Serie und hat ein halbes Jahr lang einen Vertrag. Aber auch dieses Licht geht irgendwann aus. Danach kommt im besten Fall das nächste Projekt. Im mittelguten Fall kommt: nichts.

Das Ergebnis ist ein Rhythmus, der für viele Filmschaffende die Normalität ist:

Projekt. Arbeitslosigkeit. Projekt. Arbeitslosigkeit. Projekt. Arbeitslosigkeit.

Man kann sich daran gewöhnen. Man kann sogar ziemlich gut darin werden, das zu managen. Aber man sollte vorher wissen: Dieses Modell bedeutet nicht nur Freiheit. Es bedeutet vor allem auch Verwaltung, Unsicherheit und eine sehr merkwürdige Beziehung zu Behördenformularen.

Du musst dich rechtzeitig arbeitssuchend melden. Du musst dich arbeitslos melden – spätestens am ersten Tag ohne Beschäftigung. Du stellst Anträge. Du fragst dich: Habe ich überhaupt genug sozialversicherungspflichtige Tage gesammelt? Du rennst Bescheinigungen hinterher. Du bekommst Einladungen, um deine „berufliche Situation“ zu besprechen. Gespräche, die oft kürzer dauern als ein Optik-Wechsel an der Kamera, aber eben Pflicht sind

Das klingt kompliziert? Ist es auch.

Vor allem, weil du diesen ganzen Prozess im Hinterkopf behalten musst, während du gerade in einem fordernden Projekt steckst und eigentlich keine Sekunde Zeit für Bürokratie hast.

Am Anfang hat mich das völlig überfordert. Ich habe Fehler gemacht. Ich hatte endlose, oft zwecklose Schriftwechsel mit dem Amt. Ich hatte Sperrzeiten. Ich hatte falsche Vertragsdaten von Arbeitgebern. Irgendwann hatte ich einen dicken, überquellenden Ordner mit der Aufschrift: ARBEITSAMT.

Mittlerweile bin ich routiniert darin. Du brauchst nicht nur Set-Erfahrung, du brauchst auch eine enorme Resilienz im Umgang mit Amtsformalitäten.

Es ist paradox: Alle erzählen dir, wie aufregend der Dreh war. Wie toll das Team, wie krass die Motive. Aber niemand sagt dir am Anfang: „Übrigens, kümmer dich um eine saubere Ablage und lerne die Spielregeln des Arbeitsamts.“

Projektbasierte Arbeit heißt eben nicht nur, dass du frei bist. Es heißt, dass du immer wieder allein zuständig bist für deinen eigenen Übergang.

Unterbelichtet: Privatleben im Off

Der nächste Schatten kommt meistens nicht mit Ansage.
Er steht nicht im Vertrag. Er steht nicht in der Dispo. Er passiert einfach.

Während eines Projekts besteht dein soziales Leben fast ausschließlich aus Menschen, die ebenfalls an diesem Projekt arbeiten.

Du siehst deine Kollegen morgens. Mittags. Abends. Manchmal nachts. Du isst mit ihnen, du wartest mit ihnen, du frierst mit ihnen. Du stehst mit ihnen im Regen, im Matsch, auf Hotelfluren, im Produktionsbüro, Waldstücken, Turnhallen, Villen, Kellern, Krankenhäusern, Polizeiwachen und Industriegebieten – an Motiven, bei denen man sich ernsthaft fragt, wer dieses absolute Deadend eigentlich gefunden hat.

Das verbindet. Sehr sogar. Aber es verschiebt auch etwas. Denn während du mit dem Team eine eigene kleine Welt bewohnst, läuft draußen das andere Leben einfach weiter.

Freundschaften. Familie. Geburtstage. Sport. Hobbys. Beziehungen. Haushalt. Steuer. Zahnarzt. Der Kaktus auf der Fensterbank.

Sozial abgemeldet

Während eines Projekts bist du teilweise sozial abgemeldet. Nicht, weil du keine Lust auf Menschen hast. Sondern weil du schon den ganzen Tag Menschen hattest. Und weil die Tage einfach lang sind. Unanständig lang.

Dann kommt das Wochenende. Theoretisch wäre jetzt Zeit für Freunde, für Familie, für Leichtigkeit. Oft sitzt du energielos auf dem Sofa und guckst dein Handy an wie einen kleinen, feindlichen Gegenstand. Bloß keine Nachricht beantworten. Bloß nichts planen. Nicht noch irgendwo hin. Nicht schon wieder erklären müssen, warum du so müde bist.

Du willst einfach nur sein. Vielleicht Wäsche machen. Vielleicht einkaufen. Vielleicht schlafen. Vielleicht auch einfach eine Stunde stumpf in die Gegend starren und so tun, als würdest du nachdenken.

Das Ganze hat eine ernsthafte Seite. Viele Dinge im Leben brauchen Regelmäßigkeit. Freundschaften brauchen Pflege. Sport braucht Rhythmus. Kreativität braucht Raum. Beziehungen brauchen Verlässlichkeit. Familie braucht Anwesenheit. Auch dein Kaktus braucht irgendwann mal Wasser.

Und der Drehplan sagt: „Ja, schön. Aber Freitag ist erstmal Nachtdreh.“

Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist beim Film ein echtes Problem. Lange Arbeitszeiten, ständige Flexibilität, null Planbarkeit.

Wie viel Privatleben passt in einen Beruf, der phasenweise so tut, als gäbe es außerhalb des Projekts absolut nichts?

High Key & High Stress: Mentale Belastung

In meinem Artikel „Geduldsfäden aus Gaffa“ habe ich es mal so aufgeschrieben:

Film = Warten + punktueller Extremstress.

Beim Film wartet man ständig. Und dann, ganz plötzlich, kippt alles. Aus Warten wird Druck. Jetzt und sofort. Aus Druck wird Stress. Dieser Stress fühlt sich an wie ein viel zu schnelles Tetris-Spiel. Gerade in der Aufnahmeleitung fühlt sich das manchmal an, als würden die Steine nicht mehr einzeln fallen, sondern jemand kippt direkt den ganzen Karton über dir aus.

  • Das Telefon klingelt pausenlos.
  • Die Regie schickt eine Mail mit einer „ganz dringenden“ Frage.
  • Das Motiv macht Probleme.
  • Ein Kollege pöbelt dich an.
  • Das Catering steht falsch.
  • Eine Schauspielerin fällt aus.
  • Ein Anwohner schreit und droht mit der Polizei.
  • Das Wetter kippt.
  • Szenen werden umgestellt, die Dispo ist futsch, du fängst bei null an.
 

Das natürlich alles gleichzeitig.
Und dann sagt noch jemand: „Kannst du mal kurz?“

„Kurz“ ist beim Film ein dehnbarer Begriff. Kurz kann heißen: eine Telefonnummer raussuchen. Kurz kann aber auch heißen: Bitte löse in den nächsten zwölf Minuten ein Problem, an dem fünf Abteilungen, zwei Behörden und ein sehr schlecht gelaunter Hausmeister beteiligt sind.

Das Irre ist: Meistens bekommt man es irgendwie hin.

Der „Geht nicht, gibt’s nicht“-Fehler

Genau darin liegt das Problem. Dieses „irgendwie geht es immer“ macht süchtig. Man wird zum Profi im Improvisieren. Gut im Reagieren. Gut im Aushalten. Man lernt, unter Druck ruhig zu bleiben – oder zumindest so auszusehen.

Nach außen: Alles unter Kontrolle.

Innen: Die Festplatte rattert im roten Bereich

Jeder geht anders damit um. Manche werden still, manche werden hektisch, manche werden laut und reden viel. Manche machen sarkastische Witze, manche machen Listen, manche trinken einfach nur sehr viel schwarzen Kaffee.

Aber Stress bleibt Stress. Und Stress kann krank machen. Das ist kein weicher Wohlfühlsatz, den ich hier unbedingt schreiben musste – das ist die Realität einer Branche, in der immer mehr Menschen über Erschöpfung, Ausstiegsgedanken und Belastungsgrenzen sprechen.

In der Film- und Fernsehbranche wird mentale Belastung zunehmend offen diskutiert. Die Berlin Brandenburg Film Commission hat dem Thema „Mentale Belastung bei Film- und Serienproduktionen“ ein eigenes Fokusformat gewidmet.

Das Gute ist: Es wird mehr darüber gesprochen.

Das Schwierige: Nur weil ein Thema kein Tabu mehr ist, ist es noch lange nicht gelöst. Wir können mittlerweile alle sehr reflektiert sagen, dass mentale Gesundheit wichtig ist – und dann arbeiten wir trotzdem zwölf Stunden, hängen die Heimfahrt dran, beantworten abends noch Mails und wundern uns, wenn der Körper irgendwann sagt: „Du, ich hätte da mal eine Rückfrage.“

Set-Weh

Ein Phänomen, das ich immer wieder beobachte, bei mir, bei anderen, habe ich „Set-Weh“ getauft.
Das Loch nach dem Projekt.

Während des Drehs bist du permanent wichtig. Jeder Tag hat eine Struktur, jede Stunde einen Zweck. Du bist Teil einer kleinen Parallelwelt, die jeden Morgen neu aufgebaut wird und abends so tut, als wäre das alles völlig normal gewesen.

Du weißt morgens, wo du sein musst. Du weißt, wer dich braucht.

Und dann: Schnitt. Letzter Drehtag. Abschlussfest. Danke ans Team. Müde Umarmungen.

Am nächsten Morgen wachst du auf und niemand will etwas von dir. Kein Funk. Keine Dispo. Keine akute Katastrophe. Eigentlich wäre das schön. Aber es fühlt sich oft nicht schön an, sondern leer. Der Körper braucht Erholung, aber der Kopf rast weiter. Das Vibrieren des Handys macht aggressiv, man checkt weiterhin permanent seine Mails. Man kommt nicht im „normalen“ Leben an, weil man noch im Projektmodus feststeckt.

Runterfahren ist verdammt schwer, wenn man wochenlang gelernt hat, dass Anspannung der einzige zulässige Normalzustand ist.

Diffuses Licht: Unklare Zukunftsaussichten

Ein weiterer Schatten liegt nicht nur über dem einzelnen Projekt, sondern über der Branche insgesamt. 

Natürlich gibt es immer Produktionen. Es gibt immer Menschen, die drehen. Es gibt immer Kolleginnen und Kollegen, die bis obenhin ausgebucht sind. Und es gibt auch immer diese eine Person, die sagt: „Also bei mir läuft’s gerade super.“

Aber mein Eindruck ist: Die Branche fühlt sich für viele gerade verdammt unsicher an. Und dieser Eindruck kommt nicht aus dem luftleeren Raum.

Ich höre in den letzten Jahren immer öfter von gestandenen Kolleg*innen, die das Handtuch werfen. Nicht, weil sie keine Lust mehr auf Film haben, sondern weil die Jobs schlicht nicht mehr reichen, um davon gut über die Runden zu kommen. Am Set führen wir Gespräche über berufliche Alternativen. Was kommt danach? Was kann ich eigentlich noch?

Ja, das ist natürlich erstmal meine Wahrnehmung, aber dieser diffuse Eindruck, lässt sich längst belegen.

Wenn die Zahlen das Set erreichen

Die Branche steht wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Die Produktionsallianz beschreibt in ihrer Herbstumfrage 2025 strukturelle Probleme, die man nicht mehr wegatmen kann. Besonders im Fiction-Bereich ist die Lage prekär: Ein Drittel der Unternehmen macht Verluste, ein weiteres Drittel kreist bei Gewinnmargen zwischen 0 und 2,5 Prozent am Abgrund. Sinkende Budgets bei gleichzeitig steigenden Herstellungskosten.

Das ist nicht nur eine Zahl auf einer Website.
Das landet irgendwann bei uns Filmleuten.

Für viele bleibt die Frage:

Wie sicher ist dieser Beruf eigentlich noch?

Oder anders gefragt: Wie lange kann man in einer Branche arbeiten, die selbst nicht genau weiß, wie sie in fünf Jahren aussehen wird?

Natürlich kann man sagen: Das gilt heute für viele Berufe. Das mag stimmen. Aber beim Film trifft diese allgemeine Unsicherheit auf eine ohnehin projektbasierte, unregelmäßige und extrem netzwerkabhängige Arbeitsform.

Das ist dann nicht mehr nur ein einzelner Schatten. Das ist dieser diffuse Schattenwurf von mehreren Lampen gleichzeitig, bei dem niemand mehr genau weiß, welche harte Kante eigentlich von wo kommt.

Blende zu: Die Filmblase

Und dann gibt es noch diese Sache mit der Blase.
Ich weiß, jede Branche hat ihre Blase.

Aber die Filmblase scheint mir schon besonders zu sein.
Vielleicht, weil beim Film so viel Absurdes passiert.

Oder vielleicht, weil Filmschaffende einen inneren Zwang haben, jede halbwegs merkwürdige Situation irgendwann als Anekdote zu verwerten.

Man trifft sich privat.
Eigentlich will man über das Leben reden.

Und nach zwölf Minuten ist man doch wieder am Set.

„Weißt Du noch diese eine Projekt?“

„Bei uns ist mal ein Generator abgebrannt.“

„Wir hatten mal einen Schauspieler, der…“

„Bei mir hat mal ein Anwohner…“

„Bei uns stand plötzlich die Polizei…“

„Das ist noch gar nichts, bei uns…“

Und dann geht es los.

Jeder hat die nächste Geschichte. Die noch absurdere. Die noch schlimmere. Die noch lustigere.

Das ist schön, weil man sich verstanden fühlt und gemeinsam verarbeiten kann.
Und es ist gefährlich, weil man irgendwann fast nur noch über Arbeit redet.

Die Filmbranche produziert Geschichten nicht nur für das Publikum.
Sie produziert auch Geschichten über sich selbst.

Und diese Geschichten funktionieren oft am besten mit Menschen, die den Code verstehen.

Die wissen, warum „nur noch ein Bild“ keine echte Zeitangabe ist.

Die wissen, dass „wir sind gleich fertig“ alles zwischen fünf Minuten und mehreren Stunden bedeuten kann. Das auch nach einem Nachtdreh irgendwann die Sonne wieder aufgeht und man dafür nicht genug Molton hat.

Die wissen, warum ein Funkgerät am Ohr irgendwann Teil der Persönlichkeit wird.

Mit Außenstehenden ist das manchmal schwer.

Man erzählt eine Geschichte und merkt schon nach der Hälfte: Okay, dafür müsste ich jetzt erstmal erklären, was eine Dispo ist, warum das Motiv gewechselt wurde, was die Set-Aufnahmeleitung eigentlich macht, warum der LKW da nicht stehen durfte, weshalb das Catering trotzdem schuld war.

Also kürzt man ab.
Oder man erzählt es gar nicht.
Oder man sucht sich wieder Menschen aus der Branche.

Und so wird die Blase gemütlicher.
Aber auch enger.

18kW – Ego

Es gibt diesen Satz beim Film. Ein gesunder Satz, den man sich eigentlich jeden Morgen wie ein Gebet vorsprechen müsste: „Wir retten hier keine Menschenleben.“

Denn es stimmt. Wir operieren nicht am offenen Herzen. Wir löschen keine brennenden Häuser. Und trotzdem fühlt es sich oft so an. Das liegt vorallem daran, dass man permanent im Dauerkrisenmodus lebt.

Gerade in der Aufnahmeleitung reagierst du ständig auf Dinge, die sich manchmal kein Drehbuchautor ausdenken könnte. Und irgendwann merkst du: Du bekommst das geregelt. Alles. Das fühlt sich berauschend an. Es gibt dir dieses Gefühl von totaler Kontrolle in einem System, das oft droht aus der  Kurve zu fliegen.

Kurzschluss

Wenn man sich zu sehr daran gewöhnt, das Unmögliche möglich zu machen, verliert man das Gefühl dafür, was eigentlich zumutbar ist. Aus Einsatzbereitschaft wird schleichend Selbstüberschätzung. Aus einem stolzen „Ich krieg das hin“ wird ein panisches „Ich darf nicht ausfallen“.

Neulich saß ich in der Notaufnahme – nicht zum Drehen, sondern als Patient. Während ich auf den Arzt wartete, habe ich ernsthaft noch eine Dispo geschrieben. Als ich dann für einen kurzen Moment rausgezoomt habe, dachte ich: „Holy Shit, was zum Teufel mache ich hier eigentlich gerade?“

Spitzenlicht: Warum es nicht nur dunkel bleibt

Jetzt könnte man fragen: Warum tut man sich das eigentlich an?

Ich bin nun seit 15 Jahren in der Branche und immer noch dabei, weil Film eine magische Anziehung auf mich hat. Dass es eine Hassliebe ist, daraus mache ich keinen Hehl. Alle genannten Schattenseiten sind mal mehr, mal weniger präsent – und jeder geht anders mit ihnen um. Aber genau in dieser Reibung liegt vielleicht der Grund, warum viele von uns bleiben.

  • Projektarbeit kann zermürbend sein. Aber sie bringt Bewegung. Neue Menschen, neue Orte, neue Geschichten. Es gibt keinen Stillstand.
  • Lange Tage und wenig Freizeit sind brutal. Aber die Phasen zwischen den Projekten schenken manchmal eine Freiheit, die kein 9-to-5-Job bieten kann.
  • Stress kann krank machen. Aber manchmal zeigt er dir auch, wo du klar bleibst, Verantwortung übernimmst und über dich hinauswächst. Entscheidend ist nur, dass daraus kein Dauerzustand wird.
  • Die Blase kann verdammt eng sein. Aber sie ist eben auch eine Heimat für all die Verrückten, die diesen Zirkus mitmachen.
  • Der Rausch der eigenen Wirksamkeit kann in die Erschöpfung führen. Aber dieses Gefühl, Dinge zu bewegen und Unmögliches wahr zu machen, gibt einem auch eine Form von Selbstvertrauen.
 

Und die Zukunft? Die Unsicherheit?

Die bleibt schwierig. Da will ich gar nicht zu viel Positives drüberkippen, nur damit es am Ende rund klingt. Aber diese Unsicherheit zwingt einen auch, ehrlich zu bleiben. Mit sich selbst. Mit den eigenen Grenzen. Mit der Frage: Will ich das noch? Und wenn ja: unter welchen Bedingungen? Und wie könnten mögliche Perspektiven aussehen?

Film ist nicht nur Licht. Film ist auch Schatten.

Wer in diese Branche will, sollte beides sehen dürfen. Nicht, um abgeschreckt zu werden. Sondern um zu wissen, worauf man sich einlässt.

Bild von Björn S. Breyer

Björn S. Breyer

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