Was ist ein Drehplan?

Auf den ersten Blick ist ein Drehplan nur eine bunte Tabelle. Auf den zweiten merkt man: Das ist das Zentralhirn der Produktion – und hier steckt deutlich mehr drin, als man glaubt.
Aufnahmeleitung bespricht den Drehplan an einer Planungstafel während der Vorbereitung einer Filmproduktion

Ein Drehplan gehört zu den zentralen Arbeitsdokumenten einer Filmproduktion. Mit ihm wird täglich gearbeitet, an ihm wird gerüttelt, gefeilt und diskutiert. Er ist Grundlage für Entscheidungen – und oft auch Anlass für neue Fragen.

Dieser Artikel ist ein Exkurs. Er nimmt sich die Zeit, den Weg eines Drehplans nachzuvollziehen: vom Drehbuch über den Breakdown bis hin zu dem Plan, nach dem am Ende gedreht wird. Dabei geht es sowohl um grundlegende Abläufe als auch um die vielen Entscheidungen, die unterwegs getroffen werden müssen.

Denn spätestens beim genaueren Hinsehen wird klar: Drehplanen ist keine stupide Tabellenarbeit. Es ist eine anspruchsvolle, oft erstaunlich kreative Aufgabe – und eine der zentralen Voraussetzungen dafür, dass ein Film überhaupt drehbar wird.

Vom Drehbuch zum Breakdown – der erste Schritt zum Drehplan

Bevor überhaupt ein Drehplan entstehen kann, muss das Drehbuch gründlich auseinandergenommen werden. Nicht mit Blick auf Dramaturgie oder Interpretation, sondern aus planerischer Sicht. Man könnte auch sagen: Das Drehbuch wird filetiert und in sinnvolle Häppchen zerlegt.

Denn ein Drehbuch erzählt eine Geschichte. Ein Drehplan muss sie organisatorisch darstellbar machen.

Vom Bild zum Auszug

Grundlage dieser Arbeit sind die einzelnen Bilder, also die Szenen des Drehbuchs. Für jedes Bild wird ein sogenannter Auszug erstellt. Dabei destilliert man aus der Szene all jene Informationen, die für Organisation und Kalkulation relevant sind.

Für mich beginnt dieser Schritt allerdings nicht sofort mit den Auszügen. Ich lese das Drehbuch zunächst komplett durch, um ein Gefühl für die Geschichte, die Figuren und den Gesamtzusammenhang zu bekommen. Dieses Vorwissen ist für mich wichtig, bevor ich Szene für Szene erneut durch das Buch gehe und die einzelnen Auszüge erstelle.

Dazu gehört auch, zwischen den Zeilen zu lesen: Manche Anforderungen sind im Drehbuch nicht ausdrücklich benannt, können in der Praxis aber einen erheblichen Mehraufwand bedeuten.

Heute werden die Auszüge in speziellen Drehplanprogrammen angelegt und verwaltet. Für jedes Bild wird dort ein eigener Auszug erstellt – in Form eines virtuellen „Stäbchens“, das später im Plan verschoben und neu angeordnet werden kann.

Ich nutze vor allem Fuzzlecheck. Aus meiner Wahrnehmung wird damit im deutschsprachigen Raum am häufigsten gearbeitet. Natürlich gibt es auch eine Reihe anderer Software.

Welche Informationen ein Auszug enthält

Jeder dieser Auszüge (Stäbchen) bündelt die wichtigsten Eckdaten einer Szene. Dazu gehören unter anderem:

  • die Bildnummer (alle Szenen im Drehbuch sind fortlaufend nummeriert)
  • Seitenanzahl
  • Vorstopp
  • das Motiv, also der Ort, an dem die Szene spielt
  • Synopsis (Kurzzusammenfassung der Szene)
  • Spieltag (Tag innerhalb der Handlung)
  • die Information, ob die Szene innen oder außen spielt (I/A)
  • die Tageszeit: Tag (T), Nacht (N), Morgendämmerung (MoDä) und ähnliche Varianten
  • die mitwirkenden Rollen, die je nach Bedeutung durchnummeriert sind und eine eindeutige ID erhalten
  • die Anzahl der benötigten Komparsen
  • besondere Anforderungen wie Stunts, Spezialeffekte (Regen, Schnee, Feuer, Explosionen), Doubles
  • Fahrzeuge, Tiere oder spezielle Requisiten


Kurz gesagt: Alles, was Einfluss auf Aufwand, Zeit und Organisation haben könnte, landet in diesem Auszug.

Beispielhafter Auszug aus einem Drehplanprogram mit Bildnummer, Motiv, Spieltag, Dauer, Synopsis sowie Angaben zu Rollen, Komparsen, Spezialeffekten, Fahrzeugen, Maske und Kostüm.
So oder so ähnlich sieht ein Auszug im Drehplanprogramm aus.

Die Länge einer Szene als Planungsgröße

Um den Arbeitsaufwand einer Szene besser einschätzen zu können, wird zusätzlich die Seitenanzahl aus dem Drehbuch erfasst. Als grobe Faustregel gilt: Eine Seite Drehbuch entspricht etwa einer Minute Film.

Diese Regel ist allerdings nur bedingt belastbar. Ein Satz wie „Rom brennt.“ kann im Film wenige Sekunden oder mehrere Minuten dauern – je nach Umsetzung.

Deshalb wird in der Praxis häufig zusätzlich ein sogenannter Vorstopp angesetzt. Dabei wird die voraussichtliche Länge der Szene zeitlich abgeschätzt. Diese Angabe ist in der Praxis meist deutlich verlässlicher als die reine Seitenanzahl.

Die Synopsis als Gedächtnisstütze

Zu jedem Auszug gehört außerdem eine kurze Synopsis.
Sie fasst den Inhalt der Szene in möglichst wenig Wörtern zusammen.

Die Mini-Zusammenfassung dient vor allem der Orientierung.
Sie hilft dabei, auch in einem späteren, nicht chronologischen Drehplan schnell zu erfassen, worum es in der jeweiligen Szene geht.

Das Ergebnis – der Breakdown

Das Resultat dieser Fleißarbeit ist der sogenannte Breakdown. Ein auf die wesentlichen Informationen reduziertes, chronologisch geordnetes Drehbuch.

Es erzählt die Geschichte nicht mehr als zusammenhängende Handlung, sondern macht sie für die weitere Planung greifbar – als Grundlage für das eigentliche Drehplanstecken.

HINTERGRUND

Drehplan „stecken“ – woher der Begriff kommt

Früher wurden die Auszüge ganz analog auf Karteikarten oder kleinen, farbigen Stäbchen festgehalten. Jede Szene hatte ihre eigene Karte, die man an einem Board anordnen und verschieben konnte.

Um den Drehplan zu verändern, wurden diese Karten händisch umgesteckt oder neu sortiert – daher hat sich der Begriff „Drehplan stecken“ bis heute gehalten.

Heute passiert das digital im Programm – aber das Prinzip dahinter ist dasselbe.

Vom Breakdown zum Drehplan – die eigentliche Arbeit

Wir haben das Drehbuch nun vollständig zerlegt.
Jede Szene liegt als eigener Auszug vor, versehen mit allen Informationen, die zu diesem Zeitpunkt relevant sind – wohlwissend, dass diese Informationen sich im weiteren Verlauf noch verdichten, verändern oder ergänzen werden. Manche Angaben werden konkreter, neue kommen hinzu, andere relativieren sich wieder.

Damit haben wir erst einmal genügend Material in der Hand, um mit dem eigentlichen Drehplanstecken beginnen zu können.  Ab diesem Moment geht es nicht mehr nur darum, Informationen zu sammeln – auch wenn genau das weiterhin passiert –, sondern vor allem darum, sie miteinander in Beziehung zu setzen.

Parallel zum Stecken laufen Motivbesichtigungen, Besprechungen mit Regie, Kamera, Ausstattung, Maske, Kostüm und Produktion. Neue Erkenntnisse fließen ständig ein und haben direkten Einfluss auf den Plan.

Im Laufe der Vorbereitung trudeln außerdem Sperrtermine von Darsteller*innen ein, etwa weil parallel andere Filmproduktionen oder Theaterverpflichtungen bestehen. Manche Drehorte sind zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht final festgelegt, andere stehen nur unter bestimmten Bedingungen zur Verfügung.

Ein Beispiel: Im Drehbuch spielen mehrere Szenen in einer Bankfiliale. Der reale Drehort erlaubt Dreharbeiten allerdings nur am Wochenende. Das muss besprochen und im Plan berücksichtigt werden. Sonntagsarbeit ist teuer – also stellt sich die Frage: Können wir das leisten, oder brauchen wir eventuell ein anderes Motiv?

In dieser Phase wird alles immer wieder neu sortiert. Szenen werden verschoben, zusammengezogen, auseinandergezogen. Drehtage werden getauscht, neu gedacht, wieder verworfen. Am Ende entsteht – bildlich gesprochen – ein bunter Stäbchensalat.

Ziel ist ein Drehplan, der vor Drehbeginn belastbar ist: drehbar, praktikabel und so abgestimmt, dass alle Gewerke damit arbeiten können. Die letzten Feinjustierungen folgen später, wenn aus dem Plan der konkrete Drehtag und damit die Dispo wird.

Digitaler Drehplan in einer Produktionssoftware zur Planung von Drehtagen
Abstrahierte Darstellung eines digitalen Drehplans in einer Drehplan-Software.

Warum der Drehplan für die Produktion unverzichtbar ist

Der Drehplan, der sich nun nach und nach immer weiter verdichtet, ist für eine Filmproduktion unerlässlich. Aus ihm ergibt sich die Gesamtzahl der Drehtage – meist sehr eng kalkuliert und nicht selten von Anfang an fest vorgegeben.

Er legt fest, wie viele Drehtage einzelne Rollen haben, wie lange an bestimmten Motiven gedreht wird und wie sich die gesamte Terminierung über Wochen hinweg verteilt.

Ohne diesen Plan gäbe es keine verlässliche Grundlage für Budget, Verträge, Logistik oder Personaldisposition. Der Drehplan ist das zentrale Dokument, auf dem alles Weitere aufbaut.

Warum der Drehplan oft an Details hängt

Beim Drehplanstecken klären Regieassistenz und 1. Aufnahmeleitung gemeinsam mit den anderen Gewerken eine Vielzahl praktischer Fragen. Wie lange wird an einer Szene gedreht – Stunden, ein ganzer Tag oder mehrere Tage? Lässt sich eine Innen-Nacht-Szene als „Day for Night“ drehen, also tagsüber mit abgedunkelten Fenstern? Oder erzwingt eine große Glasfassade einen Original-Nachtdreh?

Manchmal hängt der gesamte Plan an Details. Etwa an einer Hauptdarstellerin, die im Film zwischen kahlgeschorenem Kopf und Lockenfrisur wechselt. Kann man mit Perücken arbeiten – oder muss der Drehplan exakt auf diese Veränderung abgestimmt werden?

Auch Szenen mit Kindern bringen besondere Anforderungen mit sich. Entscheidend ist dabei das Alter der besetzten Rolle. Unter 18 gelten klare Vorgaben aus dem Jugendarbeitsschutz: Wie lange ein Kind vor der Kamera arbeiten darf, wie Pausen geregelt sind, welche Zeiten als Arbeitszeit zählen. All das hat direkten Einfluss auf den Plan.

Und das sind nur einige Beispiele. Wetterbedingungen, Jahreszeiten und Tageslicht spielen ebenso eine Rolle.

Künstlerische Wünsche versus wirtschaftliche Realität

Bei all diesen Herausforderungen versucht man dennoch, die Wünsche der Regie und der Kamera zu berücksichtigen. Häufig geht es dabei um mehr Drehzeit oder eine möglichst zusammenhängende Chronologie. Das hilft Schauspieler*innen bei der Orientierung: Was ist vorher passiert? Was folgt danach? In welchem emotionalen Zustand befindet sich die Figur – wütend, traurig, beseelt?

Gleichzeitig darf die wirtschaftliche Realität nie aus dem Blick geraten. Filme zu produzieren kostet Geld – viel Geld. Deshalb wird ein Drehplan in der Praxis fast immer nach Motiven und Drehorten gebaut. Szenen, die an einem Ort spielen und im Drehbuch mehrfach auftauchen, werden zusammengefasst.

Ein Drehort mehrfach anzufahren, nur um die Chronologie des Drehbuchs einzuhalten, wäre in den meisten Fällen unverhältnismäßig. Jedes Mal müsste neu ausgeleuchtet werden, es fällt erneut Motivmiete an, und die gesamte Logistik muss wieder aufgebaut werden.

Zwischen Fakten und Fantasie

Am Ende ist Drehplanen eine Mischung aus Faktenarbeit, Erfahrung und Fantasie.
Man sammelt Daten, wägt Möglichkeiten ab, denkt Szenarien durch – und entscheidet sich schließlich für eine Lösung, von der man hofft, dass sie unter realen Drehbedingungen funktioniert.

Perfekt ist ein Drehplan nie. Aber gut genug, um daraus einen Film zu machen.

Ich habe einmal Szenen im tiefsten Winter gedreht. Es lag meterhoch Schnee, und mitten im Dreh fiel der Hauptdarsteller für längere Zeit aus. Der Dreh wurde abgebrochen. Drei Monate später, im Mai, bei 21 Grad, haben wir die fehlenden Szenen nachgedreht – mit reichlich Kunstschnee.

Solche Situationen gehören dazu. Ein Drehplan ist kein Versprechen, sondern immer der jeweilige Status quo. Und wenn sich im laufenden Dreh etwas grundlegend ändert, dann macht man genau das, was man in der Vorbereitung auch immer wieder macht: Man legt einen neuen Plan an.

Mehr als ein Plan

Einen Drehplan zu stecken bedeutet immer, Entscheidungen zu treffen und Kompromisse einzugehen. Aber genau darin liegt auch das Spannende. Beim Drehplanstecken ist immer ein Stück Magie im Spiel. Es hat etwas von einem Blick in die Glaskugel – ein Vorausdenken in die Zukunft.

Hinter all den Stäbchen, Tagen und Wochen verbergen sich unzählige Ereignisse: stressige und heikle Situationen genauso wie schöne, intensive Erlebnisse. Drehs an ungewöhnlichen Orten, Begegnungen mit interessanten Menschen, Momente, die man vorher nicht planen kann – und die trotzdem ihren Anfang genau hier haben.

Mit jedem Stäbchen, das im Plan verschoben wird, nimmt man direkten Einfluss auf das, was passieren wird. Man entscheidet mit darüber, wo etwas stattfindet, wann es passiert und unter welchen Bedingungen. Und genau deshalb ist Drehplanen mehr als Orga. Es ist eine zutiefst kreative Aufgabe.

Der Artikel kratzt natürlich nur an der Oberfläche. Wenn du Fragen hast, tiefer einsteigen möchtest oder Themenvorschläge hast, schreib mir gern.

Bild von Björn S. Breyer

Björn S. Breyer

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