Seit Wochen fiebert das Team auf diesen Tag hin. Es soll der große Showdown des Films werden.
Ein Auto überschlägt sich. Die Hauptfigur kann sich gerade noch knapp befreien, bevor es mit einer donnernden Explosion in die Luft fliegt.
Das Besondere: Es gibt nur eine Chance. Nur einen Take. Kein Wiederholungsversuch.
Alles ist geprobt. Das Stuntteam ist bereit. Die Explosion ist scharfgestellt.
„Achtung, wir drehen. Kamera läuft. Unnnnnd bitte!“ dröhnt es aus allen Walkies.
Und dann …
… dann latscht eine Gruppe Kinder der Kita Sonnenschein ins Bild.
Bester Laune. Völlig unbeeindruckt. Direkt vor die Kamera.
Im Hintergrund explodiert perfekt getimt das Auto.
Der Take ist für die Tonne. Ein Alptraum für die Produktion.
Diese Szene zeigt ziemlich deutlich, warum eine gute Absperrung – also das Blocken eines Drehorts – so unglaublich wichtig ist.
Blocken wird auch einen Teil Deines Jobs als Set-Runner einnehmen. In diesem Artikel schauen wir uns genauer an, was das konkret bedeutet – und wie Du es in der Praxis richtig machst.
Was bedeutet „Blocken“ am Filmset überhaupt?
Wenn Deine Set-Aufnahmeleitung Dir sagt: „Geh mal da vorne blocken“, dann heißt das nicht „einfach irgendwo rumstehen“, sondern etwas sehr Konkretes:
Du sorgst dafür, dass Personen oder Fahrzeuge nicht durchs Bild laufen oder fahren, keine lärmenden Geräusche verursachen und somit eine laufende Aufnahme nicht stören.
(Auf das Thema Fahrzeuge und Straßenverkehr gehe ich weiter unten noch gesondert ein.)
Das kann das Team betreffen.
Das kann aber auch Menschen betreffen, die mit dem Dreh überhaupt nichts zu tun haben.
Im Grunde erfüllt Blocken drei zentrale Funktionen:
Erstens:
Es hält alles vom Set fern, was Störungen verursachen könnte.
Störungen für das Spiel der Schauspielenden, Störungen im Bild, Störungen für den Ton.
Zweitens:
Blocken ist absolut sicherheitsrelevant.
Wenn – wie im Beispiel von oben – ein Stuntfahrer über eine gesperrte Straße brettert, muss sichergestellt sein, dass ihm kein anderes Fahrzeug entgegenkommt. Und vor allem, dass sich dort auf keinen Fall unbeteiligte Personen aufhalten – erst recht nicht unsere Kita-Gruppe.
Drittens:
Unbeteiligte dürfen ohne ihre schriftliche Zustimmung nicht klar erkennbar vor der Kamera auftauchen. Blocken schützt also auch davor, dass später rechtliche Probleme entstehen.
Wen blockst du da jetzt eigentlich?
Eine der wichtigsten Unterscheidungen beim Blocken ist die Frage:
Wen habe ich gerade vor mir?
Denn je nachdem, ob es jemand aus dem Team ist oder Menschen von außerhalb, ändert sich Dein Ton, Dein Verhalten und Deine Verantwortung.
Team blocken
Leute aus dem Team zu blocken ist meistens die entspanntere Variante beim Blocken – dafür aber nicht weniger wichtig.
Das Gute ist: Filmleute kennen die Begrifflichkeiten und wissen, was sie bedeuten.
Manchmal sind sie aber auch einfach unaufmerksam, im Tunnel oder erhalten auf ihrem Walkie-Kanal keine Set-Ansagen.
Deshalb geht es hier vor allem um klare Kommunikation.
Typische Ansagen sind zum Beispiel:
„Achtung, WIR DREHEN!“
„Danke, AUS!“
„Wir machen noch eine.“
Du gibst dabei Kommandos in einer angemessenen Lautstärke weiter, die Du über Funk erhältst. Nicht jeder im Team – zum Beispiel Schauspielende – hat einen Stöpsel im Ohr. Umso wichtiger ist es, dass sie mitbekommen, was am Set gerade passiert.
Wenn die Kamera läuft, reicht oft auch nonverbale Kommunikation.
Das international bekannte Zeichen: Zeigefinger auf die Lippen, begleitet von einem sehr leisen „psssst“. Das versteht jeder.
Auch ein Zeigefinger, der sich kreisend durch die Luft bewegt, wird als klares Signal verstanden: Alles klar, wir drehen.
Dazu ein kurzer Blickkontakt.
Mehr braucht es oft nicht.
Wichtig ist, dass Du dabei Präsenz zeigst. Eine klare Körperhaltung hast. Und nicht doomscrolling-mäßig irgendwo in der Ecke sitzt. Blocken funktioniert nicht halbherzig, sondern durch Körpersprache, Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit.
Außenstehende blocken
Hier wird es sensibler.
Und hier bist Du plötzlich nicht mehr „nur Runner“, sondern das Gesicht der Produktion nach außen.
Außenstehende sind zum Beispiel:
- Anwohner*innen
- Spaziergänger*innen
- gestresste Menschen auf dem Weg zur Arbeit
- Eltern mit Kindern
- Leute, die einfach nur nach Hause wollen
- Schaulustige und Fans
- Tiere (ich habe auch schon mal Schafe geblockt)
Wir drehen oft in Wohngebieten, in öffentlichen Gebäuden oder in Parks. Wir nutzen meterweise Parkflächen, stehen mit Technik herum, sperren Wege. Wir sind dort Gäste. Und genau so sollten wir uns auch verhalten.
Gerade beim Blocken bist Du oft die erste Person aus der Produktion, mit der Außenstehende überhaupt in Kontakt kommen.
Das heißt:
- freundlich ansprechen
- ruhig bleiben
- aber klar sein
Menschen reagieren deutlich entspannter, wenn sie verstehen, was gerade passiert.
Typische Fragen sind:
Warum werde ich aufgehalten?
Was passiert hier gerade?
Wie lange dauert das?
Was drehen Sie hier?
Darf ich ein Foto machen?
Nicht jede dieser Fragen darf oder muss beantwortet werden. Gerade bei inhaltlichen Fragen zur Produktion ist Vorsicht geboten – und Fotos sind in der Regel nicht erlaubt.
Was fast immer hilft, sind konkrete Zeitangaben:
„Noch etwa zwei bis drei Minuten, dann können Sie durch.“
Du musst Dich dabei nicht rechtfertigen. Die Produktion hat für den Dreh bzw. die Sperrung eine Genehmigung.
Und Genehmigungen müssen Du – beziehungsweise Deine Set-Aufnahmeleitung – nur Polizei oder Ordnungsamt zeigen. Nicht jedem, der diskutieren möchte.
Erklären: ja.
Endlos diskutieren: nein.
Auch hier ist wieder Kommunikation gefragt.
Deine Set-Aufnahmeleitung sieht nicht, was bei Dir passiert. Dein Walkie ist hier immer Dein Freund und Helfer.
Gib weiter, was bei Dir Phase ist:
Stauen sich die Menschen und es ist Zeit, sie abfließen zu lassen – gib das weiter.
Gibt es einen offensichtlichen akuten Notfall, der durch muss – gib das weiter und lass ihn durch.
Bist Du in einer brenzligen Situation – zieh Dich zurück und gib das weiter.
Zum Merken:
Deine Set-Aufnahmeleitung sieht nicht, was Du siehst.
Sag Bescheid, wenn sich etwas verändert.
Exkurs: Bildrechte
Manchmal lässt sich nicht alles blocken. Manchmal rutscht jemand ins Bild. Gerade bei Außenmotiven passiert das schneller, als man denkt.
Sobald Menschen klar erkennbar im Bild sind und nichts mit dem Dreh zu tun haben, ist das ein Thema. Denn in diesem Moment greift das Persönlichkeitsrecht – konkret das Recht am eigenen Bild – und das gilt unabhängig davon, ob jemand „nur kurz“ oder eher beiläufig im Hintergrund zu sehen ist.
Deshalb ist es sinnvoll, Rechteabtretungen am Set griffbereit zu haben – zum Beispiel
am Set-Tisch.
In der Praxis unterschreiben das allerdings wenige.
Aber manchmal ist es genau die Lösung, die einen einmaligen Take rettet.
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Blocken im Straßenverkehr
Blocken im Straßenverkehr ist ein Sonderfall.
Und der gehört klar eingeordnet.
Disclaimer
Grundsätzlich gilt:
Das Blocken von Straßenverkehr ist Aufgabe von Fachpersonal mit geeignetem Absperrmaterial. Produktionen buchen dafür in der Regel Personal von Absperr- oder Security-Firmen – umgangssprachlich oft einfach „Blocker“ genannt –, die entsprechend geschult sind und Erfahrung mitbringen sollten.
In der Realität sieht es trotzdem manchmal anders aus. Gerade bei kleineren Produktionen, geringem Budget oder sehr kurzen Einstellungen werden auch Runner mit dieser Aufgabe betraut.
Entscheidend ist dabei immer das Augenmaß.
Es macht einen Unterschied, ob man auf einem abgelegenen Feldweg dreht, auf dem gelegentlich ein Trecker vorbeikommt – oder ob es um eine vielbefahrene Straße, eine Landstraße oder innerstädtischen Verkehr geht. Letzteres ist ganz klar nicht Aufgabe von Runnern.
Wichtig ist deshalb, dass Du Deine eigenen Grenzen kennst und ernst nimmst. Wenn sich eine Situation nicht sicher anfühlt oder Du Dich nicht bereit für diese Aufgabe fühlst, ist das kein Zeichen von Schwäche – sondern von Professionalität.
Was Du darfst – und was nicht
Ganz klar:
Du regelst keinen Verkehr.
Das darf ausschließlich die Polizei.
In der Praxis läuft es häufig so, dass der Verkehr kurzzeitig gestoppt wird – für wenige Minuten, damit ein Take gedreht werden kann. Stichwort: Intervallsperrung.
Dabei gilt immer:
Die Produktion muss dafür eine verkehrsrechtliche Anordnung haben.
Hat sie diese nicht, wird nicht in den Verkehr eingegriffen. Punkt.
Die verkehrsrechtliche Anordnung legt außerdem fest, wie abgesperrt werden muss und wie lange maximal gesperrt werden darf.
Typisches Absperrmaterial:
- Durchfahrt-verboten-Schilder
- rot-weiße Absperrbaken
Flatterband oder Pylonen gehören nicht dazu.
Eigene Sicherheit
Das ist der wichtigste Punkt überhaupt.
Bring Dich nicht in Gefahr. Kein Film der Welt ist es wert.
Trage eine Warnweste – nicht nur, weil es vorgeschrieben ist, sondern weil es sichtbar macht, dass Du eine Funktion hast. Sie wirkt fast wie eine Uniform. Das gilt im Übrigen auch, wenn du bspw. im Park blocken sollst.
Stell Dich nicht mitten auf die Straße.
Behalte den Verkehr im Blick – nicht das Set, auch wenn es noch so spannend ist.
Rechne damit, dass Menschen Absperrungen ignorieren.
Es gibt genug Irre da draußen.
Wenn sich eine Situation unangenehm anfühlt:
Abstand halten. Hilfe holen. Abbrechen.
Standby
Blocken bedeutet oft auch: lange rumstehen, es passiert gar nichts – und trotzdem die Aufmerksamkeit halten.
Blocken ist eine dieser Aufgaben, die kaum jemand feiert.
Aber genau deshalb ist sie wichtig.
Wenn Du sie gut machst, fällt sie nicht auf.
Wenn Du sie nicht machst, merken es plötzlich alle.
Und ja: Blocken kann auch mal ganz entspannt sein.
In meiner Runnerzeit hatte ich einmal eine Blocking-Position an einem kleinen Weg an einem See. Sommer, Schatten, ein Buch. Keine Menschenseele. Nicht eine einzige Person, die ich blocken musste.
Sowas gibt es auch.
Aber das ändert nichts an der Bedeutung dieser Aufgabe.
Du bist da. Du passt auf. Und Du hältst dem Set den Rücken frei.
Genau das ist Blocken.





