Wie lese ich eine Dispo richtig?

Die Dispo ist Dein wichtigstes Werkzeug am Set. Hier lernst Du, wo Du welche Informationen findest – und wie Du Zusammenhänge erkennst. Inklusive vollständiger Beispiel-Dispo als PDF.
Schreibmaschine mit „DISPO“ auf Papier – Titelbild zum Artikel über das Lesen einer Tagesdisposition im Film.

Call Sheet, Dispo, Set-Zeitung oder – scherzhaft – „Dispetten“. Es gibt viele Namen für das wichtigste Werkzeug deiner Arbeit als Set-Runner*in.

Die Tagesdisposition liefert dir alle Informationen für den Drehtag. Damit du dich darin blind zurechtfindest, ist es essenziell, sie immer am Vorabend einmal gründlich zu lesen. Wir nehmen das Dokument hier einmal vollständig auseinander und schauen uns die einzelnen Elemente im Detail an.

Einordnung

Bevor wir einsteigen, ein paar Dinge vorweg:

Keine Dispo gleicht der anderen. Jede 1. Aufnahmeleitung arbeitet mit eigenen Vorlagen und setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Dieser Guide ist also nicht absolut oder allgemeingültig. Der grundsätzliche Aufbau lässt sich jedoch in den meisten deutschen Produktionen wiederfinden.

Was du hier liest, basiert auf meiner Arbeitsweise – und darauf, was sich in der Praxis mittlerweile 412 Mal für mich und vor allem für das Team am Set bewährt hat.

Betrachte diesen Artikel als Blueprint: Wenn du die Kernelemente dieser Dispo verstehst, wirst du auch jede andere lesen können.

Das Szenario

In unserem Beispiel drehen wir den Krimi „Tat in der Nacht II“ (AT) – einen fiktiven Fernsehfilm über einen Bankraub. Der Titel ist kein Zufall: Mit neun Jahren habe ich den ersten Teil dieses „Films“ tatsächlich gedreht.

Die Dispo, die wir hier gemeinsam dekonstruieren, ist zwar fiktiv, aber exakt so aufgebaut, wie ich sie heute in meiner täglichen Arbeit verschicke.

Beispiel-Dispo als PDF laden

In diesem Guide konzentriere ich mich bewusst auf die entscheidenden Punkte und lasse alles weg, was sich von selbst erklärt.

Hinweis: Alle Namen, Orte und Zeiten sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind reiner Zufall.

Der Kopf der Dispo

Hier findest du zuerst die allgemeinen Projektinfos: Was drehen wir und wer steckt dahinter? Eine Produktionsfirma wird fast immer von einem Sender (z.B. ARD, ZDF, RTL) oder – wie in unserem Beispiel – von einem Streamer beauftragt, den Film zu produzieren.

Kopfbereich einer Film-Tagesdisposition mit Produktionsfirma, Set-Handynummer und Stabliste zum Projekt „Tat in der Nacht II“.

Die Set-Handynummer

In der linken Spalte findest du die Nummer für deinen direkten Draht zum Set. Wer geht ran? Meistens die Set-AL-Assistenz an der Basis. Da am Set alle ihre Handys stumm haben oder schlicht keine Zeit zum Draufschauen finden, ist das die Nummer, bei der du zuverlässig jemanden erreichst. Egal, ob du eine Info vom Set brauchst oder selbst eine wichtige Meldung (Verspätung, Rückruf-Bitte, Drehrelevante-Infos) durchstellen willst.

Was hier fehlt

Auf vielen Dispos findest du im Kopfbereich zusätzlich eine Mini-Stabliste mit allen beteiligten Personen.  Als Set-Runner fand ich das immer extrem hilfreich, um Namen schneller zu lernen und beim Verteilen der Dispo nach Drehschluss den Überblick zu behalten. In meiner Dispo lasse ich das heute weg. Warum? Aus Platzgründen und weil wir zunehmend papierlos arbeiten – jeder bekommt das Dokument ohnehin per Mail. Aber wenn du sie auf anderen Dispos siehst: Nutze sie als Spickzettel, damit du weißt, wer am Set wer ist.

Der Check-In Bereich

In diesem Abschnitt findest du die wesentlichen Fakten: Wo muss ich hin und wann fange ich an? Auch wenn dein Blick wahrscheinlich zuerst auf deinen Arbeitsbeginn wandert, dekonstruieren wir die Spalten einmal der Reihe nach.

Motive / Drehorte

Hier findest du die logistische Landkarte des Drehtages. Es ist wichtig, zwischen den Begriffen zu unterscheiden:

Motiv(e)
Das ist der Name des Ortes, wie er im Drehbuch steht. Nur weil hier „Bankfiliale“ steht, heißt das nicht automatisch, dass ihr in einer echten Bank seid – es könnte auch eine Kulisse im Studio sein. In unserem Beispiel drehen wir jedoch in einer echten Bank.
Drehort
Das ist die reale Adresse des Sets, an der die Kamera tatsächlich laufen wird.
Basis/Technik
Die Basisadresse ist der Ort, an dem du morgens als Erster aufschlägst. Hier stehen Maske, Kostüm und Catering usw. Davon abweichend kann es eine eigene Technikadresse geben, an der die Fahrzeuge für Licht, Kamera und Grip parken.

Es kann also sein, dass du mehrere Adressen findest. Ein Blick auf die Motivinfo (meist im Anhang der Dispo) verschafft dir Gewissheit, wie die Orte zueinander liegen. In unserem Beispiel liegen Basis und Set nur 400 Meter auseinander. Als Set-Runner*in ist das dein persönlicher Kilometer-Indikator. Deine Beine werden es dir danken, wenn du deine Wege vorher checkst und effizient planst.

Info & Wetter

In der Mitte findest du ein kurzes Daily Briefing mit den wichtigsten Infos, die an diesem Tag für alle relevant sind. Das Wetter rundet diesen Block ab. Auch wenn dein Smartphone minütliche Vorhersagen trifft: Mit einem kurzen Blick auf die Dispo hast du sofort auf dem Schirm, welche Kleidung du brauchst.

Aber klar, die Angaben sind vor allem für Kamera und Licht nützlich. Wenn die Kamerafrau zum Beispiel noch eine Einstellung in der „Goldenen Stunde“ (kurz vor Sonnenuntergang) drehen will, findet sie hier Zeiten dazu.

Arbeitsbeginn

In diese Spalte fällt der Blick meistens sofort. Klar: Man will wissen, wann man am nächsten Tag anfängt. Hier findest Du den Arbeitsbeginn je Abteilung – und außerdem Drehbeginn, Mittagspause und Drehschluss. Soweit so klar.

Wenn Du als Set-Runner*in arbeitest, schaust Du hier besonders auf „Set-AL“. In unserem Beispiel stehen dort zwei Zeiten, weil geschichtet wird. Hinter den Kürzeln verstecken sich die jeweiligen Namen. Wenn Du zum Beispiel Hannah heißt, beginnt Deine Schicht um 07.30 Uhr. In der Praxis gilt: 5 Minuten früher als Punktlandung, dazu habe ich hier bereits etwas ausführlicher geschrieben.

Das Herzstück – die Bildübersicht

Die Bildübersicht ist das Zentrum der Dispo. Sie zeigt das gesamte Pensum des Tages – Szene für Szene, in der geplanten Drehabfolge.

Wenn Du verstehen willst, wie ein Drehtag wirklich funktioniert, musst Du diesen Bereich lesen können.
Deshalb gehen wir ihn jetzt Spalte für Spalte durch:

Bild
Alle Szenen im Drehbuch sind fortlaufend nummeriert. Hier findest Du die entsprechende Bildnummer. Werden im Laufe der Produktion Änderungen vorgenommen, erscheinen sogenannte „bunte Seiten“ (z. B. 1. Revision = rosa, 2. Revision = blau).
Lichtstimmung
(I/A – T/N)
I = Innen, A = Außen, T = Tag, N = Nacht. Mit etwas Übung erkennst Du sofort Zusammenhänge – etwa, dass bis zur Mittagspause draußen gedreht wird.
Tag / Zeit
Informationen zum Spieltag innerhalb der Handlung und zur Spieluhrzeit. Ein Spieltagwechsel kann z. B. auf einen Kostümwechsel hinweisen.
Motiv / Synopsis
Das Motiv beschreibt den Ort der Szene im Drehbuch. Die Synopsis fasst den Inhalt möglichst knapp zusammen – funktional, nicht literarisch.
Rollen
Beteiligte Figuren inklusive eindeutiger ID. Markierungen helfen zu erkennen, wann eine Rolle hinzukommt oder die Szene verlässt.
Extras
Anzahl der Kompars*innen in der Szene. Ein logistischer Faktor für Planung und Koordination.
Besonderes
Besondere Aufwände wie Fahrzeuge, Stunts, SFX oder Fachberatung.

Das Getriebe

Der Cast- und Komparserieblock ist gespickt mit Zeiten und Detailangaben.
Diese Zeiten sind mit spitzem Bleistift gerechnet – und sie sorgen dafür, dass die Maschinerie funktioniert.

Gerade für die Set-AL ist dieser Bereich entscheidend. Hier wird organisiert, wer wann in Maske, Kostüm oder am Set sein muss. Das ist kein Serviervorschlag, sondern die Grundlage dafür, dass ein Drehtag pünktlich startet und es keine Überschneidungen in Maske oder Kostüm gibt.

Außerdem findest Du hier Angaben zu Aufenthaltsorten und Umkleidemöglichkeiten der Darsteller*innen.

Die Set-Assistenz an der Basis behält diese Zeiten besonders am Morgen genau im Blick.
Gerade vor Drehbeginn wird hier exakt dokumentiert und abgehakt, wann wer welche Station durchlaufen hat.

Beispiel für Cast- und Komparsenübersicht in einer Tagesdispo im Film mit Pick-up, Maske, Kostüm und Drehfertig-Zeiten.

Besonderheiten am Drehtag

Hier steht alles, was den Tag besonders macht.

  • Spielfahrzeuge.
  • Stunts.
  • SFX.
  • Zusatz-Equipment oder zusätzliches Personal.

Dieser Bereich erfüllt zwei Funktionen.

Externe Dienstleister lesen hier heraus, wann und wo ihr Einsatz ist.
Und das Team findet alle relevanten Zusatzinformationen – inklusive Kontaktdaten.

Fahrdisposition

Viele blättern hier schnell weiter.
Dabei ist dieser Bereich strategisch wichtig.

Natürlich lesen zuerst die Produktionsfahrer*innen hier ihr Tagesprogramm.
Aber auch für die Set-AL liefert die Fahrdisposition entscheidende Informationen auf einen Blick.

Welche Sonderfahrten sind geplant?
Wann ist ein Fahrer gebunden?
Und wann ist niemand verfügbar für spontane Wege?

Was es sonst noch alles gibt

Die folgenden Bereiche sind von Dispo zu Dispo unterschiedlich aufgebaut. Deshalb gehe ich hier nur punktuell darauf ein – vieles ist selbsterklärend.

Abteilungsinformationen

Hier findet jede Abteilung zusätzliche Hinweise, die speziell für diesen Drehtag relevant sind.
Oft stehen hier noch einmal organisatorische Details für alle, oder sich wiederholende Angaben.

Allgemeine Sicherheitshinweise

Arbeitsschutz geht alle an.
Ein täglicher kurzer Blick in diese Sektion verankert die wichtigsten Informationen direkt im Kopf.

Im Ernstfall weißt Du sofort, was zu tun ist – und an wen Du Dich wenden musst.

Vordisposition

Im Grunde ist das eine Bildübersicht für den nächsten Drehtag.
Sie hilft Dir bei der Vorausplanung.

Wenn Du schon heute etwas für morgen vorbereiten willst, findest Du hier die nötigen Anhaltspunkte.

Allgemeine Gefährdungsbeurteilung

Dieser Teil ist verpflichtend und gehört an jede Dispo.
Er gibt Aufschluss über mögliche Gefährdungsquellen – und darüber, wie sie vermieden werden können.

Motivinfo

Hier lohnt sich fast immer ein Blick.
Die Karten- oder Lageübersicht vermittelt Dir sofort ein Gefühl für Entfernungen und Verortungen: Wo ist die Basis? Wo steht Technik? Wie weit ist der Weg zum Set?

Und jetzt?

Du siehst, in so einer Dispo stecken verdammt viele Infos. Aber keine Sorge, du musst nicht alles auswendig lernen. Wichtig ist nur, dass du weißt, wo du was findest und was du „zwischen den Zeilen“ für deinen Tag mitnehmen kannst.

Wer die Dispo liest, rennt nicht blind los, sondern denkt mit. Pack dir das Ding per Shortcut auf deine Handystartseite oder hab die ausgedruckte Dispo immer griffbereit in der Tasche – dein zukünftiges Ich wird es dir danken, wenn es am Set stressig wird.

Bild von Björn S. Breyer

Björn S. Breyer

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