„Ich will irgendwas mit Film machen.“
Vielleicht Regie.
Aber was heißt das eigentlich konkret?
Wo fängt man an?
Und vor allem: Wie geht es danach weiter?
Der Einstieg gelingt oft irgendwie. Ein erster Job, ein erstes Set, neue Kontakte. Aber was danach kommt, ist selten klar.
Ich habe mit Julia Gottschling (24) gesprochen. Ihr Traum: Regie.
Ihr Weg dorthin?
Nicht geradlinig. Nicht geplant.
Steckt aber voller kleiner Entscheidungen.
Auch Julia ist über den Einstieg als Set-Runnerin in die Branche gekommen.
Die Frage ist: Hat sie sich damit ihrem Ziel Regie wirklich angenähert?
Wir haben den Vorhang mal ein Stück zur Seite geschoben…
Vom „irgendwas mit Film“ zum ersten Setjob
Nach dem Abi stand Julia vor der klassischen Frage: Was jetzt? Die Richtung war klar: kreativ muss es sein. Sie hatte Theatererfahrung, fand Schauspiel spannend, aber der Weg ins Rampenlicht sollte es dann doch nicht sein.
„Früher eigentlich sogar gerne Schauspiel, aber das wollte ich nicht unbedingt studieren.“
Statt selbst auf der Bühne zu stehen, reizte sie irgendwann etwas anderes mehr: mit Schauspieler*innen arbeiten, Geschichten umsetzen, filmisch denken.
Vom Hörsaal ans Set
Julia entschied sich für ein Film- und Fernsehstudium.
Mit dem klaren Wunsch, sich in Richtung Regie zu entwickeln.
Der echte Gamechanger kam aber nicht nur durchs Studium, sondern durch das, was nebenbei passierte: Pflichtpraktika, erste Einblicke, echte Set-Erfahrungen.
„Dadurch war ich halt auch schon im Bereich der Set-Aufnahmeleitung.“
Das klingt erstmal unspektakulär, bedeutet aber vor allem: mittendrin sein, Abläufe verstehen, ein Gefühl fürs Set entwickeln. Auch wenn die Jobs in der Set-Aufnahmeleitung, erstmal weniger mit Regie zu tun haben, war es ein erster Schritt näher ran an die Praxis.
Während der Corona-Pandemie wurde Julia zur Hygienebeauftragten. Klingt nach FFP2-Masken, Desinfektionsmittel und Protokollen? War es auch, aber:
„Offiziell war es Hygienebeauftragte, aber es ging eigentlich auch in die Richtung Set-Runner, Set-Aufnahmeleitungs-Assistenz.“
„Es muss auf jeden Fall nicht immer ein geradliniger Weg sein, um am Ende an sein Ziel zu kommen.“
Und dann?
Trotz Studium und Praxiserfahrung kam der Moment: Der Bachelor ist in der Tasche, aber der rote Teppich bleibt eingerollt. Julia musste suchen, Plattformen durchforsten und herausfinden, wie es weitergeht.
Eine ihrer ersten konkreten Überlegungen: Set-Runner-Jobs. Erstmal Geld verdienen. Weiter Ausschau halten. Kontakte knüpfen.
Du willst auch in die Filmbranche einsteigen? Hier erfährst du, wie du deinen ersten Job findest.
Set-Runnerin im Fernsehstudio
Julias erster klassischer Einsatz als Runnerin führte sie zu einer Studioproduktion: „Das große Backen“ (SAT.1). Für viele klingt Studio erstmal kompakter, planbarer und vielleicht sogar etwas entspannter als eine fiktionale Außendreh-Produktion. Falsch gedacht. Auch unter dem Studiodach war der Job vor allem eines: körperlich und oft überraschend laufintensiv.
Zwischen Mehl und Milch
Gerade am Anfang ging es viel um Aufbauten und logistische Abläufe. Nicht kreativ, sondern ganz praktisch: Sitzmöglichkeiten organisieren, Arbeitsbereiche vorbereiten, Material und Geräte an die richtigen Orte bringen. Beim „Großen Backen“ hieß das konkret: Küchengeräte einräumen und die logistische Basis schaffen.
Als die Vorbereitung durch war, wurde der Job noch koordinativer. Julia brachte Juror*innen und Kandidat*innen zu ihren Terminen – ins Interview, zur Maske oder ans Set. Dieses Organisieren im Hintergrund war ein zentraler Teil der Arbeit.
Wenn die Füße brennen, fängt der Job erst an
Eine ihrer klarsten Erinnerungen an diese Zeit ist fast schon sinnbildlich für den Job: wie viel man läuft. Selbst in einer Studioproduktion, in der vermeintlich alles nah beieinander liegt, kommen schnell deutlich über 20.000 Schritte zusammen.
Das ist ein wichtiger Realitätscheck für alle, die mit dem Gedanken spielen, als Runner anzufangen, laufen wird man aufjedenfall eine Menge.
Mitdenken statt Ablaufen
Noch wichtiger ist aber etwas anderes. Nicht das Tempo. Nicht die Wege. Sondern die Haltung.
„Dass man immer aktiv auch mit dem Kopf dabei ist. Das macht dann, glaube ich, auch nochmal einen schlechten Runner zu einem guten Runner.“
Dieser Satz bringt den Job ziemlich genau auf den Punkt. Runnern heißt nicht nur, Aufträge abzuarbeiten. Es heißt mitdenken. Verstehen, was gerade gebraucht wird. Zusammenhänge erkennen. Verantwortung im Kleinen übernehmen.
Genau daraus entsteht oft der Unterschied zwischen „hat funktioniert“ und „war wirklich gut“.
Wieder nicht Regie – und trotzdem der nächste Schritt
In der Welt der Projektarbeit ist das Ende immer auch der Anfang: Ein Job ist durch, der nächste muss her.
Eine Serienproduktion suchte Set-Runner. Wie kam Julia dort ins Gespräch?
„Also das war tatsächlich auch Zufall und über Kontakte.“
Der Runner-Job klappte nicht, aber genau in dieser Produktion wurde eine Assistenz für die Motiv-Aufnahmeleitung gesucht.
Wieder kein direkter Schritt Richtung Regie. Wieder ein Umweg. Aber Julia entschied sich für das „Ja“: „Das mache ich jetzt.“
„Also es war sozusagen eine Zufallsgeschichte.“
Genau so entstehen Wege in dieser Branche oft wirklich:
nicht linear, sondern über Umwege, Kontakte und Timing.
Weg vom Set, rein ins Büro
Mit dem neuen Job veränderte sich dann auch ihr Alltag deutlich.
Während der Runner-Job mitten im Gewusel des Drehs stattfand, verlagerte sich Julias Arbeit nun in die Vorbereitung.
„Auf jeden Fall, dass man mehr Bürozeiten hat.“
Weniger direkt am Set, weniger nah am eigentlichen Dreh – dafür mehr Organisation im Vorfeld.
„Dass man gar nicht so viel am Set ist und mitbekommt, was jetzt so inhaltlich gedreht wird unbedingt.“
Das ist ein wichtiger Punkt: Nicht jede nächste Stufe fühlt sich automatisch „näher am Film“ an. Manchmal entfernt man sich sogar erstmal vom Set – und lernt dafür eine andere Perspektive kennen.
„Also es hilft ja immer irgendwie in jedem Bereich mal tätig gewesen zu sein.“
Genau daraus entsteht etwas, das man schwer theoretisch lernen kann: ein Gefühl dafür, was andere Gewerke leisten und was sie brauchen.
Der Moment, in dem sie einfach Ja gesagt hat
Mitten in der Produktion, Julia war eigentlich voll in ihre Aufgaben als Motiv-Aufnahmeleitungsassistenz vertieft, passierte das Unvorhersehbare: Die Script Continuity fiel krankheitsbedingt aus. Julia wurde gefragt, ob sie einspringen kann – und sie sagte wieder ja.
Nicht, weil sie sich komplett sicher fühlte. Sondern weil sie wusste: Das ist zumindest ein kleiner Schritt näher ran ans Regiedepartment.
Genau darin steckt einer der stärksten Punkte dieses Interviews. Chancen kündigen sich nicht immer vorher an. Manchmal fährt man morgens ans Set – und der Tag nimmt plötzlich eine Wendung, die im Zweifel sogar karriereentscheidend sein kann.
Plötzlich gefragt
Julia hatte durch ihr Studium Grundkenntnisse aus verschiedenen Bereichen und war deshalb grundsätzlich anschlussfähig. Sie war nicht völlig fachfremd. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass sich so ein Einspringen leicht anfühlt.
Im Gegenteil:
„Also am Anfang wusste ich auch noch gar nicht, ob ich mir das so richtig zutraue.“
Und trotzdem hat sie es gemacht. Mit Unterstützung. Mit der Bereitschaft, Fehler nicht als Weltuntergang zu sehen.
„Man muss halt manchmal über seinen Schatten springen.“
Genau solche Momente können eine Laufbahn verschieben. Denn erst in dieser Praxis merkte sie, dass dieser Job sie reizt. Dass ihr die Nähe zum Set liegt. Dass sie die Zusammenarbeit mit Regie und Schauspiel spannend findet.
Chance nutzen – und dann verdoppeln
Und statt es bei diesem einen Einsatztag zu belassen, ging sie den nächsten Schritt: Sie sprach mit erfahrenen Kolleginnen, informierte sich über den Weg in das Gewerk – und absolvierte anschließend eine Weiterbildung zur Script/Continuity in Berlin.
Eine Chance allein reicht nicht. Entscheidend ist, was man danach daraus macht.
Drei Gedanken zum Mitnehmen
1. Mitdenken.
Nicht nur tun, was gesagt wird, sondern wirklich wach sein. Verstehen, was um einen herum passiert. Das gilt als Runner genauso wie später in jeder anderen Position. Julias Weg zeigt ziemlich klar, dass genau diese Haltung überall weiterhilft.
2. Sichtbar bleiben.
Julia sagt selbst, dass Netzwerken nicht unbedingt ihre größte Stärke ist – empfiehlt aber trotzdem genau das. Mit Leuten reden, sich zeigen, kommunizieren, worauf man Lust hat. Viele Jobs entstehen nicht, weil irgendwo eine perfekte Stellenausschreibung wartet, sondern weil jemand an jemanden denkt.
3. Flexibilität.
Nicht im Sinne von grenzenloser Verfügbarkeit um jeden Preis, sondern als innere Beweglichkeit. Nicht jeder nächste Schritt ist vorher sauber geplant. Manchmal öffnet sich eine Richtung erst, wenn man bereit ist, etwas auszuprobieren. Genau so war es bei Julia mit der Script Continuity.
Zum Schluss: Real Talk
Was ich an Julias Aussagen besonders mag: Sie romantisiert den Einstieg nicht. Sie spricht auch darüber, dass es am Set mal schroffer werden kann – und dass man auch mal blöd angemacht wird, gerade wenn Stress im Spiel ist.
„Also was mir am Anfang vielleicht noch jemand hätte mehr sagen müssen, wäre … dass man Sachen einfach dann nicht persönlich nimmt und so sehr an sich rankommen lässt.“
Das berühmte dicke Fell.
„Und dass es hilft, Menschen am Set zu haben, mit denen man reden kann, wenn einem etwas zu viel wird.“
Auch das gehört zur Wahrheit über den Berufseinstieg dazu.
Gerade für Anfänger*innen ist das wichtig. Nicht, um Angst zu machen. Sondern um Erwartungen realistischer zu halten. Film kann großartig sein. Aber eben auch direkt und fordernd. Wer das weiß, geht oft stabiler rein.
Einfach losgehen
Am Ende ist Julias Weg kein modernes Märchen von der perfekten Karriereleiter. Julias Story ist wertvoll, weil sie ungerade ist. Sie zeigt, dass sich Wege entwickeln dürfen. Dass man nicht sofort alles wissen muss. Dass aus einem Runner-Job etwas anderes wachsen kann. Und dass Umwege nicht automatisch Umwege weg vom Ziel sind, sondern manchmal genau die Strecke dorthin.
Und vielleicht ist genau das der Punkt:
Dass man überhaupt erstmal losgeht.
Dass man Chancen annimmt, auch wenn sie sich nicht perfekt anfühlen.
Und dass man Schritt für Schritt herausfindet, wo man eigentlich hinwill.
Julia weiß das heute nach wie vor ziemlich genau.
Regie.
Und auch wenn der Weg dorthin noch ein Stück entfernt ist –
geht sie ihn weiter.
Julia Gottschling arbeitet seit 2022 in non-fiktionalen und fiktionalen Produktionen. Ihr Profil findest Du auf Crew United.





